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Bauen als kultureller Auftrag Das Büro Galli & Rudolf wurde 1998 von Andreas Galli und Yvonne Rudolf gegründet. Während zehn Jahren unterrichtete Andreas Galli Analyse, Entwurf und Konstruktion an der FHBB in Muttenz, Yvonne Rudolf gehört zum Vorstand des Architekturforums Zürich. Das Büro beschäftigt 14 Architekten und Architektinnen. Inge Beckel hat sich mit den Inhabern unterhalten. Städtebauliches Gesamtkonzept Färbi-Areal, Schlieren ZH, 2004/2005Strategische Generalisten Wie seht ihr die Rolle des Architekten, der Architektin in eurer täglichen Arbeit? Wovon ist eurer Ansicht nach das Arbeitsumfeld eines Architekten heute besonders geprägt? Grundsätzlich reicht das Arbeitsfeld der Architektur von der Sanierung oder dem Minimaleingriff bei einem Umbau über den Entwurf von Neubauten bis hin zu städtebaulichen Fragen. Wir sind nicht primär auf Neubauten auf der «grünen Wiese» fokussiert – die es, wohlgemerkt, heute immer weniger zu bebauen gibt. Ob es um einen Neubau oder eine Sanierung, Instandsetzung oder um eine parzielle Erweiterung bestehender Siedlungsstrukturen geht, das Denken in verschiedenen Massstäben ist für uns selbstverständlich, dabei ist das strategische und situative Agieren im Bestehenden sehr wichtig. Architekten sind Dienstleister an der Gesellschaft. Somit ist es wichtig, den Überblick über eine Bauaufgabe zu haben, entscheiden zu können, was relevant und was weniger wichtig ist. So gesehen definieren wir die Rolle des Architekten als Generalisten. Wir arbeiten im Team zwar mit Fachspezialisten zusammen, die Entscheidungen, wie eine Bauaufgabe angegangen wird und welches die bestimmenden Parameter sind, liegen aber bei uns. ![]() Neubau Wohnsiedlung Leimbach, Genossenschaft Hofgarten, 2005–07 (Bilder: Hannes Henz)Partnerschaftliches Verhältnis Wie würdet ihr die Funktion eines Auftraggebers definieren? Die Auftraggeber oder Bauherren sind sehr wichtig für uns. Grundsätzlich nehmen wir ihre Wünsche und Vorstellungen zuerst einmal entgegen, nehmen diese ernst. Wir verstehen Forderungen von Seiten der Bauträgerschaften als Impulse, aus denen – zusammen mit unseren eigenen Vorstellungen – etwas Neues entstehen kann. Als wir beispielsweise den Wohnbauwettbewerb in Zürich Leimbach gewonnen hatten und den Präsidenten der Genossenschaft Hofgarten zu einer ersten Besprechung trafen, hat er uns gleich klargemacht, dass sie eigentlich für ein anderes Projekt waren. Doch heute, da die Siedlung bezugsbereit ist, ist er sehr zufrieden mit dem Ergebnis. In der Regel haben wir ein gutes Verhältnis zu unseren Bauherren. Schwieriger kann es mit Bauherrenvertretern werden, wobei diese nicht mit den Bauherrenberatern zu verwechseln sind. Die Verantwortlichkeiten jener teilweise jungen Sparten oder Berufsgruppen müssten inhaltlich ohnehin einmal geklärt werden. Sanierung Wohnsiedlung Winzerhalde I, Zürich-Höngg, Studienauftrag auf Einladung, Baugenossenschaft für neuzeitliches Wohnen, 2007Angemessenheit und Transformation Wie würdet ihr euch im aktuellen Architekturgeschehen «orten»? Welche Kriterien sind prägend für eure Bauten? Geht man eine neue Aufgabe an, gilt es, etwas Grundsätzliches darin herauszukristallisieren. Bei einem kürzlich abgegebenen Wettbewerb lautete die Aufgabe, die Balkone von Mehrfamilienhäusern zu vergrössern. Doch lässt man die Balkone einfach weiter auskragen, nehmen sie allen unteren Wohnräumen Licht weg. So haben wir ein Prinzip vorgeschlagen, das die beiden Enden der einzelnen Balkone abwechselnd hervor- und zurückspringen lässt – und dies jeweils gegenläufig zur unmittelbar unteren Etage, eine Lösung, die mehr Balkonfläche generiert, ohne die Wohnräume massgeblich zu verdunkeln. Viele Überlegungen lassen sich etwa aus Nutzerbedürfnissen entwickeln und zu etwas Neuem transformieren. Jedenfalls geht es nicht primär darum, eine bestimme Formensprache anzuwenden, sondern etwas – in Bezug auf das Vorgefundene – Neues und – in Bezug auf die gestellte Aufgabe – Angemessenes zu entwickeln, welches in sich konsistent ist und in sich räumliche und materielle Präsenz entwickelt. Gegen Aussen präsentieren sich unsere Bauwerke entsprechend unterschiedlich. Administration Building, Ordos, China, 2007Dualität und Präsenz
Wie stellt ihr euch zu sogenannter Icon-Architektur? Inwieweit soll sich ein Bau in seinem Umfeld integrieren? Die Integration eines Baus in sein Umfeld verstehen wir nicht als Widerspruch zu etwas Spezifischem, in sich Einzigartigem. Wir versuchen stets Häuser zu entwerfen, die für ihre unmittelbare Umgebung – und darüber hinaus – über ihre Präsenz eine spezielle Ausstrahlungskraft entfalten. Dabei können die Baukörper durchaus einen eigenen ikonografischen, einen identitätsgebenden Charakter bekommen. So erzeugen die Baukörper im Färbi-Areal in Schlieren zum Beispiel in ihrer Repetition eine holzschnittartige Silhouette mit zeichenhafter Qualität und unverwechselbarem Wiedererkennungswert. Der Leimbacher Wohnblock mit insgesamt 57 Wohneinheiten ist auf der einen Seite ein markantes Haus im suburbanen Kontext an der Grenze zwischen einem Wohnquartier, einer stark befahrenen Strasse und der Sihl, auf der anderen Seite ist er als Lebensraum der Menschen, die dort wohnen, auch sehr privat. Das Bauvolumen setzt im gegebenen Kontext einen neuen Akzent, die Materialisierung mit der Travertinfassade, welche an Baumrinden erinnert, verankert und erdet den Baukörper mit der Flusslandschaft und der neu geschaffenen hofseitigen Situation. Demgegenüber ist das Projekt, das wir für China entwerfen, auf einem offenen Terrain geplant. Hier geniessen wir den Freiraum, etwas ganz Neues entwickeln zu können, was Spass macht. Doch in beiden Fällen ist letztlich die komplementäre Beziehung des Baukörpers zum offenen oder öffentlichen Raum zentral. Es geht um beide Seiten, um die Dualität des Innen und des Aussen, und darum, diese wieder zusammenzubringen. Inge Beckel |
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