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gekürt 36|07
 
Heerbrugger Deutsch

Vorweg: Der Jurybericht für die Kantonsschule Heerbrugg ist schön gestaltet und gefüllt mit Plänen und Bildern. Ein Architekt versteht die Projekte gut. Doch eignet sich das Geschriebene auch für einen Deutschkurs: «Guter Stil in Fachpublikationen».

Die Auswahl ist zufällig. Es hätte auch einen andern Jurybericht treffen können, denn die Berichte in gutem Deutsch sind selten. Es wäre doch eine prima Sache: Juryberichte sollen informieren. Nicht die Fachleute stimmen über ein Projekt ab, am Ende tut es meist die Gemeinde, der Kanton, also das einfache «Volk». Und das hat Mühe mit der «kontrastierenden Steigerung des Neuen mit dem Bestehenden». Womit wir mitten im Kurs sind. Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge, zitiert Wolf Schneider in seinem Buch Deutsch für Profis – übrigens Pflichtlektüre auf der Redaktion von Hochparterre. Im Jurybericht könnte es also heissen: Der Neubau fällt neben dem alten Schulhaus auf.
Zweites Beispiel: «Diese Unentschiedenheit ist für die Bewältigung der Erweiterung dieser Anlage eine problematische Ausgangslage.» Erste Lektion: Her mit den Verben! Das schreibt auch Schneider und ergänzt: Niemals sollten wir ein Substantiv verwenden, wo ein Verb denselben Dienst versieht. Er rät, alle abstrakten Substantive wegzulassen. Schreiben wir also konkreter und in zwei Sätzen: Der Architekt konnte sich nicht entscheiden, wie die Anlage erweitern. Das war sein Problem.
Drittes Beispiel: «Dabei sind insbesondere die in der Projektbeschreibung erwähnten Hinweise zu berücksichtigen.» Zweite Lektion: Achtung Füllwörter! Das Wort «Insbesondere» ist bei Wolf auf der Liste «Schludereien und Marotten»: Bürokratisches Blähwort für «besonders», «vor allem». Häufig werden sogar ganze Sätze um eine Füllkonstruktion formuliert, weil man sich vor dem Wort «sein» fürchtet: «Das Projekt muss als statisch sehr aufwändig und relativ unwirtschaftlich beurteilt werden.» Also besser: Das Projekt ist statisch aufwändig und unwirtschaftlich. 7 Worte sagen gleich viel wie 12, und erst noch schöner.
Der erste Rang. Doch den Jurybericht könnte man besser schreiben (Rendering: huggen_berger & Erika Fries)
Zum Schluss noch zum Projekt von huggen_berger & Erika Fries, die schon wieder einen grossen Wettbewerb im Kanton St. Gallen gewonnen haben: «Neben der Erfüllung des zusätzlichen Raumbedarfs schafft das Projekt mit der neuen Eingangsfront ein ansprechendes und angemessenes, neues Gesicht zum Dorf, verbindet den räumlich wertvollen Westtrakt mit der zu erhaltenden Turnhalle auf sinnvolle und direkte Art und nicht zuletzt verleiht es der Eingangshalle einen räumlich noch klareren Charakter als Drehpunkt der Anlage.» Weiss die Leserin oder der Leser am Ende des Satzes noch, was er am Anfang gelesen hat? Dritte Lektion: Kurze Sätze sind verständlicher. Das muss aber nicht heissen, dass nicht auch mal ein längerer Satz gemacht werden darf. In Ratschläge für einen guten Redner schrieb Kurt Tucholsky: «Hauptsätze! Hauptsätze! Hauptsätze!» Doch Vorsicht! Nur aneinander gereihte Hauptsätze können langweilig sein.
Klar, in der Architektur kann nicht alles erklärt werden. Manchmal gefällt einem ein Projekt. Man weiss nicht genau wieso. Dann sollte man aber ehrlich sein und schreiben, was man meint. Das ist auch ein guter Ratschlag. «Der formale und architektonische Ausdruck ist im Ansatz gut erkennbar, allerdings kommt die Subtilität zwischen Alt und Neu etwas abhanden.» Ein Satz, der zu allen 24 am Wettbewerb abgegebenen Projekten passt. Vielleicht hätte hier die Jury besser nichts geschrieben, als uns so einen Satz zuzumuten. (Ausführlicher Bericht im nächsten hochparterre.
wettbewerbe.)

Ivo Bösch