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Kritik der Kritik Wann haben Sie das letzte Mal mit Lust und Gewinn eine Architekturkritik gelesen? Und haben Sie sich schon mal gefragt, warum dies so selten der Fall ist? ![]() Auf der Medienseite der NZZ vom 14.12.07 stand Genussvolles zu lesen: Der amerikanische Weinkritiker Robert Parker hätte mittlerweile einen solchen Einfluss, dass nicht wenige Winzer den Stil ihrer Weine bewusst auf dessen Vorlieben ausrichteten und ihren eigenen Geschmack sowie den Weinstil des Anbaugebiets vernachlässigten, so jedenfalls der Eindruck des Autoren Peter Keller. Wem das irgendwie bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich das Buch The devil wears Prada im Kopf oder seine Verfilmung vor einigen Jahren. Beide setzten Anna Wintour, Chefredaktorin der amerikanischen Modezeitschrift Vogue, ein wenig schmeichelhaftes Denkmal. Wen diese mächtigste Frau der Modebranche lobt, der hat es geschafft, wen sie unerwähnt lässt, der kann einpacken. Ob es erstrebenswert sei, solche Zustände in der Architekturkritik zu pflegen, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass hier der Hebel andersherum funktioniert: Nicht die Kritiker lassen den Architekten zittern, sondern dieser sucht oft unverhohlen Einfluss auf jenen zu nehmen. Wolfgang Bachmann, Chefredaktor des Münchner Magazins Baumeister, schilderte das im November 2007 in seiner Kolumne so: «Richtige Stararchitekten entziehen sich auch jeder Kritik. […] In dieser Vorhölle der Baukultur ist es selbstverständlich, von Zeitschriften, denen man die Gefälligkeit einer Publikation erweist, einen Vorabzug der Seiten vor Druckfreigabe zu verlangen. Manchmal mit der hilfsbereiten Erklärung, es gehe nur um die richtige und vollständige Namensnennung der Mitarbeiter. Vermutlich haben sich einige Redaktionen darauf eingelassen, sonst würde diese unmögliche Forderung nicht immer wieder gestellt. Damit kann man nicht nur alle Herstellungstermine, sondern vor allem jeden kritischen Kommentar vergessen. […] Nein, wir lassen keine Seiten absegnen. […] Zeitschriftenbeiträge sind eben keine bezahlten Akquisitionsseiten, die zum höheren Ruhm des Auftraggebers gestaltet werden.» Dass dies kein spezifisch deutsches Phänomen ist, zeigt die Tatsache, dass Bachmanns Zeilen zweifellos an einen nicht unbekannten Architekten aus Haldenstein gerichtet sind – seinem Kölner Museum ist der Grossteil des Heftes gewidmet. Aber auch ein Editorial in der archithese von Hubertus Adam, das schon Anfang 2001 die gleiche Saite anschlug: «Architekturzeitschriften, das hätte uns allein die Vorbereitung dieser Ausgabe verdeutlicht, werden von den Subjekten ihres Interesses vielfach als mediale Multiplikatoren, als verlängerter Arm der eigenen PR-Abteilung eingestuft. Zu allen Konzessionen aber sind wir nicht bereit. Wir sind es nicht gewohnt, Texte zur Begutachtung vorzulegen, und wir suchen nach unserer eigenen Optik […]. Kritik, wir erinnern an Kurt Tucholsky, darf alles.» Bilder: flickr/wilhei55Sie würden sich ja gerne der Kritik stellen, so sagen mir Architekten immer wieder, aber richtige Architekturkritik gäbe es ja gar nicht mehr. Bleibt die Frage, was das denn sei, «richtige» Architekturkritik: der Verriss der Werke anderer und das Lob der eigenen? Oder vielleicht diejenige, die sich Jan Pieper wünscht? Der Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege an der RWTH Aachen brach vor über einem Jahr an dieser Stelle eine Lanze für historische Kontinuität und präzise Begrifflichkeit in Architektur wie Kritik: «Wer als Architekturkritiker angesichts der Genauigkeit dieser Werkzeuge noch immer mit Vokabeln wie spannend, hinreissend oder aufregend operiert, wird der eigentlichen Aufgabe der Architekturkritik nicht gerecht, an die Stelle einer rational nachvollziehbaren und sich in architektonischen Kategorien entfaltenden Beurteilung des Bauens tritt das subjektive Geschmacksurteil.»
Applaus. Nur, so möchte man dem «Alt-Vitruvianer» Pieper (wie ihn seine Kritiker nennen) in seinen eigenen Worten entgegnen, ist das ja genau das Problem heutiger Architektur: subjektives Design, das nicht mehr begründet wird – und, so fügen wir hinzu, medial umso wirksamer ist. Sollte man jetzt über die in der Öffentlichkeit präsentesten Werke nicht mehr schreiben, weil einem die Kriterien fehlen? Die Kritik kann nur so gut sein, wie die Architektur, um die sie sich dreht. Oder sagen wir es wertfreier: Sie kann sich nur den Themen widmen, die die jeweils besprochenen Gebäude vorgeben, was ja nicht zwangsläufig zu der «Abwesenheit jedweder Beurteilungskriterien» führen muss, die Pieper beklagt. Muss man eine Gurke oder ein Vogelnest nicht mit anderen Massstäben messen, als die Baukunst, für die das Herz des Aacheners schlägt? So oder so: Um eine Existenzberechtigung zu besitzen, muss die Kritik parteiisch, leidenschaftlich und politisch sein (sag nicht ich, sondern Baudelaire). Wenn die Architekturkritik dem entsprechen will, würden sich die Architekten zwar noch immer nicht nach den Meinungen und Geschmäckern von uns Kritikern richten. Aber das Lesen eines Artikels würde nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch für Lust und Freude, Wut und Zorn sorgen. Und das wäre doch schon nicht wenig. Ich möchte mich auf die Suche nach solchen Beiträgen machen. Im März wird an dieser Stelle die Reihe Kritik der Kritik beginnen, in der ich einen – kritischen – Blick auf Artikel verschiedener Architekturzeitschriften über ein und dasselbe Bauwerk werfe: Wie nähern sie sich dem Gegenstand? Ist die Argumentation schlüssig? Der Text lesbar? Lustvoll? Im Magazin 11|08 wird es dabei um unterschiedliche Beiträge zum Kolumba Museum in Köln von Peter Zumthor gehen. Axel Simon |
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