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gesperrt 26|08
 
Das Dilemma mit dem «Public Viewing» im öffentlichen Raum oder die Stadt als Event

Bern erlebe das grösstes Ereignis seit der letzten Zwischeneiszeit, der Euro 08 und den Fans der Oranjes sei Dank, meinte der Stadtpräsident von Zürich, Elmar Ledergerber, letzte Woche polemisch (und wohl leicht neidisch) in der NZZ. Die festfreudigen Niederländer verwandelten die Stadt von Bern während der EM-Vorrundenspiele in eine einzige Partylokalität mit Epizentrum Bundesplatz. Polemik hin oder her: In Zürich dürfte das letzte, der Euro 08 vergleichbare Grossereignis, nicht ganz so weit zurückliegen. Vor etwa 70 Jahren fand rund ums Seebecken eine ebenfalls weitangelegte Veranstaltung statt, die «Landi», also die Schweizerische Landesausstellung von 1939.
Eine Stadt im Bann der EM im eigenen Land: Zürich im Juni 2008 (Alle Bilder zeigen die Limmatstadt während der Euro 08: Anke Hagemann/FANCITY 2008)
Vom subversiven Aneignen der Stadt zur geplanten Massenveranstaltung

Doch zurück in die Gegenwart. Was macht man im mobilen Zeitalter mit Fussballfans, die ihren Mannschaften zu Grossanlässen wie den WM und EM nachreisen, aber über keine Eintrittskarten für das Spiel im Stadion verfügen? So wurde das Konzept des «Public Viewing» entwickelt – im englischen Sprachgebrauch übrigens für die öffentliche Totenschau verwendet. Mit der WM in Deutschland vor zwei Jahren wurde das gemeinsame öffentliche Fussballgucken auf giganischen Leinwänden ins offizielle Programm der Austragungsstädte aufgenommen. Das Fussballspiel bekommt so neben der eigentlichen Austragungsstätte, dem Stadion, einen zusätzlichen Ort in der Stadt.

«Public Viewing» gründet ursprünglich auf der subkulturellen Aneignung städtischer Räume, wie etwa der ersten Streetparade 1992 in Zürich.
Ins Gegenteil verkehrt haben sich die zur Euro 08 installierten «Fanzonen» und «Fanmeilen». Städtischer Raum wird von der EM-Organisatorin Uefa in direkter Absprache mit den Austragungsstädten offiziell besetzt, Konkurrenzveranstaltungen auf öffentlichen Flächen sind nicht erlaubt. Zwei gegensätzliche räumliche Strategien sind dabei zu beobachten: Der Einbau temporärer Stadien in die Stadt und der Umbau der Stadt zum temporären Stadion. Die 16 UBS-Arenen orientieren sich an ersterer Strategie, die vier Schweizer EM-Städte verfolgten eher die zweite Vorgehensweise. Die Innenstadt soll zur Kulisse fürs «Public Viewing» mutieren: In Zürich ist dies die Skyline am Seebecken, in Basel das Rheinufer, in Genf die Plaine de Plainpalais und in Bern der Bundesplatz. Die «Fanmeilen» leiten dabei den Weg vom Bahnhof durch die Altstadt bis zur «Fanzone».
Man staunt, was alles nicht zugelassen ist: Sowohl von der Veranstalterin, der UEFA,
als auch von Gegenveranstaltern: Hier der Quartiertreff in Zürich Enge mit Euro-Verbot
Die Stadt als Event*

Anlässe wie die Euro 08, die eine Art Ausnahmezustand generieren, machen in der Wahrnehmung von Politikern und Marketingleuten möglich, was sonst nicht denkbar wäre – entgegen dem zähen Alltag, indem mit allen möglichen Leuten und Parteien verhandelt werden muss: Die Durchführung einer Euro erfordere die Mobilisierung aller Kräfte, auf lokaler und nationaler Ebene. Luzius Theiler, Stadtrat und Mitglied des Komitee gegen €-08-Diktat in Bern, welches ein Referendum gegen die städtischen EM-Ausgaben initiierte, beschrieb die Rhetorik des Ausnahmezustands dagegen weniger als eine bewusst angenommene Herausforderung, sondern vielmehr als ein «Naturereignis», das über die Stadt hereinbreche und den Regierenden als Legitimation diene, im Namen des Fussballevents demokratische Prozesse und geltende Gesetze ausser Kraft zu setzen.

Die, die nicht in den Konsens einstimmten, also die wenigen Kritiker der Euro 08, wurden schnell als pingelige Spielverderber und «typisch schweizerische» Miesmacher geschimpft. Gegen die Verkehrssperrungen im Umfeld der Zürcher «Fanzone» hatte sich eine Opposition aus Bewohnerinnen und Gewerbetreibenden des benachbarten Quartiers Seefeld formiert. Während dort eher konservative Kräfte das Sprachrohr der Kritik waren, wurde das Referendum in Bern wie auch jenes gegen die UBS-Arena in Winterthur von linken Gruppierungen initiiert. Die Bevölkerung steht dem Entscheid, die Euro 08 in der Schweiz auszutragen, vermutlich eher kritisch gegenüber: In Bern etwa waren mit rund 48 Prozent knapp die Hälfte der Stimmenden gegen die städtischen Ausgaben, die im Rahmen des EM-Anlasses von der Hauptstadt getätigt werden mussten. Gar die Mehrheit, 56 Prozent der abstimmenden Bevölkerung, war gegen die UBS-Arena in Winterthur, womit diese nicht aufgestellt werden konnte.


*Vgl. Regina Bittner (Hg.), Die Stadt als Event, 2001
Strassensperre! Krieg? Die deutsche Bundeskanzlerin zu Besuch? Euro 08!
Absperrungen verhelfen zu Gelegenheiten: Strassenfussball auf autofreien Strassen
Bergbauern auf der Wiese versus urbane Schweiz

Monate vor Beginn der EM wurde in den Medien beunruhigt die fehlende Vorfreude der Schweizer Bevölkerung festgestellt und helvetisches Unvermögen zur mitreissenden Begeisterung kolportiert. Der offizielle Euro-Slogan der Limmatstadt alias «Downtown Switzerland» lautet dagegen «Wir leben Zürich!» und sollte deutlich machen, warum sich die gesperrten Strassen und Partyzelte lohnen und wer am Ende profitiert: Zürich und seine Einwohner, also wir. Wir? Folgt man den Thesen in Forschung und Fachliteratur, so ist das Phänomen der «Festivalisierung der Städte» «eine Strategie des Schwächeren», um Stagnation und Krise zu entkommen. Selbst wenn man also Standortmarketing bezogen argumentiert, in Zeiten der grassierenden Städterankings, könnte man schlussfolgern, dass wir in der Schweiz eigentlich gar keine Euro 08 gebraucht hätten. Schliesslich landen Zürich und andere Schweizer Städte auf den unsäglichen Ranglisten im globalen Wetteifern um den attraktivsten Standort immer auf den vordersten Plätzen, von Krise und Stagnation keine Spur.

Politiker und Spezialisten wissen es anders. Der Wandel müsse gerade in gesättigten und erfolgreichen Zeiten voraus gedacht und die Schweiz als party zone kommuniziert werden. «Die Leute feiern auf der Strasse und die Medien berichten darüber. Das kann sicher auch von der Schweiz ein neues Bild vermitteln: Das sind nicht nur Bergbauern auf der Wiese, sondern das sind junge, fröhliche, aufgestellte Menschen, die das Event in den Stadtzentren zelebrieren», meinte Maurus Lauber von Zürich Tourismus in einem Interview mit Anke Hagemann Anfang dieses Jahres. Ob das Stadtmarketing hier nicht gegen Phantome kämpft? Und, man getraut sich kaum zu fragen, braucht es eigentlich so etwas wie Stadtmarketing?
«Public Viewing» wird öffentlich
«Gesetzgeberin» Uefa

Paradoxerweise wird mit dem gnadenlosen Einfall des Fussballs in die Öffentlichkeit während den EM nicht nur der eigentlich allen zugängliche Stadtraum verbarrikadiert, sondern auch der Anlass des Ganzen, der Fussball und seine Protagonisten, eingeschnürt und abgeschirmt. Sogar die Fernsehbilder werden zensuriert. Ausdruck der schärferen Uefa-Regeln sei auch die Bunkermentalität, die in den nationalen Verbänden zunehmend Einzug hält, schrieb etwa die NZZaS im Sportteil vergangenes Wochenende entrüstet. Die Spieler schotten sich im Turnier ab, verbauen die Sicht, ziehen sich hinter Gitter und Absperrungen in ihre Luxushotels zurück und zeigen sich höchstens an zwei, drei öffentlichen Trainings. Vom Publikum würde dennoch keine nennenswerten Reaktionen ausgehen, die Schraube liesse sich offenbar anziehen und anziehen. Kritische Stimmen würden untergehen oder mundtot gemacht. Eingefleischte «ganzjährige» Fussballfans hingegen mögen die EM gar nicht: In Zürich finden sich an offiziellen Abschrankungen Aufkleber wie «Liebsch Fuessball hassisch d'Euro 08.»

Die Zelte werden wieder abgebaut werden, die gigantischen Leinwände ebenfalls, die vielen fröhlichen Fähnchen, Ausdruck des post-nationalistischen Europas, bleiben vielleicht ein bisschen länger auf den Dächern der Autos – und Zürich schafft möglicherweise doch noch den Durchbruch als partying global city. Der Europameister 08 hingegen wird ganz sicher in die Annalen eingehen – Deutschland, Russland oder Spanien. Viel Spass beim Mitfiebern! – egal ob truly public oder absolutely private.

Fabienne Hoelzel


Hier geht's zum PDF Download des alternativen Stadtplans von Zürich während der Euro 08, der «Fancity» >>