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Environments and Counter Environments: Experimental Media in Italy: The New Domestic Landscape, MoMA 1972
Kuratiert von Mark Wasiuta, Peter Lang and Luca Molinari Info hier Bis 08.05. in der Arthur Ross Gallery, Buell Hall, Graduate School of Architecture, Planning and Preservation, Columbia University, New York, zu sehen. Danach soll die Ausstellung nach Rotterdam, Barcelona, London und Milano reisen. |
ATMOSPHÄREN, AUTONOMIE UND ARCHITEKTUR – EINE AUSTELLUNG ÜBER EINE AUSSTELLUNG Eine zweiteilige Podiumsdiskussion in New York wagte Rückblicke auf die späten 1960er-Jahre und eröffnete eine Ausstellung mit Einblicken in das Archiv. Revisiting The New Domestic Landscape ist gleichzeitig eine Hommage an Emilio Ambasz, der 1972 die legendäre Ausstellung über die italienische Architektur- und Designszene kuratiert hatte, und an die dort präsentierten Architekten und Designer. Von Sabine von Fischer. Ausstellung in der Arthur Ross Gallery der Columbia University in New York (Bild: SvF)Lebendige Geschichte Als «radikale Bewegung» seien sie erst 30 oder 35 Jahre später erfasst worden, damals sei vieles widersprüchlich und komplex gewesen, antwortete Andrea Branzi, als ihn Hans-Ulrich Obrist als Zeitzeugen befragte. Die Rede war von Design und Architektur in den späten 1960er-Jahren in Italien, als die Moderne in die Krise geraten war, die alten Werte – ästhetische wie ökonomische – nicht mehr stimmten und die Zusammenhänge von Stadt, Objekt und Architektur neu definiert werden mussten. Als weitere Akteure der damaligen Zeit waren Gaetano Pesce anwesend und Emilio Ambasz, der 1972 im Museum of Modern Art die legendäre Ausstellung Italy: The New Domestic Landscape kuratiert hatte. Genau 40 Jahre nach der von Philip Johnson und Henry Russell-Hitchcock erarbeiteten Ausstellung The International Style wurde 1972 wieder mit einer These gearbeitet, die später die allgemeine Wahrnehmung der Architekturgeschichte prägte. Eine aktuelle Veranstaltung an der Columbia University in New York City hat sich vorgenommen, auf Italy: The New Domestic Landscape von 1972 zurückzukommen. Der Gedanke von Barry Bergdoll, jetziger Kurator für Architektur und Design am MoMA, dass man «viele Spiegel einsetzen kann, ohne dadurch eine klarere Sicht zu bekommen», beschreibt die Schwierigkeit dieses Vorhabens. So versteht sich die Living History Series der Columbia University nicht als Rekonstruktion, sondern setzt sich aus einer zweiteiligen Podiumsdiskussion mit den Denkern und Akteuren von damals und heute (Objects im Museum of Modern Art am 09.04. und Environments an der Columbia University am 10.04.) und aus Einblicken ins Archiv (in der Ausstellung Environments and Counter-Environments an der Columbia University) zusammen. Andrea Branzi (Bild: Giuseppe Varchetta)Architektur ohne Stadt, Stadt ohne Architektur? Branzi, Gründungsmitglied von Archizoom, sprach als Vertreter der Generation der 1960er-Jahre, welche die Architekten nicht mehr als Protagonisten der Stadt sah, sondern für eine abstrakte und immaterielle Architektur plädierte. Rückblickend gruppiert Branzi die «radikale Bewegung» in drei Grundideen, die sich gegenseitig widersprachen: Erstens die Idee einer Stadt ohne Architekten, wie sie Archizoom verstand; zweitens die Architektur ohne Stadt, wie Superstudio oder OMA es vertraten; und drittens Objekte ohne Bezug zur Stadt, die für sich eine Autonomie in Anspruch nehmen. Gerade solche Objekte, kleine Dinge des Alltags, «Mikroprojekte» in einem Prozess der kleinen Schritte, so argumentierte Branzi Anfang dieses Monats in New York, verändern die Welt – nicht die Revolutionen. Ambasz, der die «radikale Bewegung» der norditalienischen Architekten und Designer nicht nur in einer Ausstellung zusammengefasst, sondern 1972 im internationalen Kontext überhaupt erst formuliert hatte, verweigerte sich der Archivierung und mystifizierte seine kuratorische Praxis geradezu, indem er aus einem Briefwechsel aus den späten 1980er-Jahren vorlas. Er liess sich nicht instrumentieren, die Atmosphäre von damals heraufzubeschwören, sondern vertiefte vielmehr das Problem von Distanz und Perspektive – ohne dabei die eigene Aura zu schmälern, sein Auftritt bewirkte viel eher das Gegenteil. Gruppo 9999, Performance im MoMA, 1972 (Bild: yskira.com)Rückblick auf eine Medialisierung von Architektur Environments and Counter-Environment, Begriffe, die Ambasz in seiner Matrix der Kategorien von 1972 verwendet hatte, sind 2009 Titel der rückblickenden Ausstellung. Sie könnten als «Umwelten» oder «Umgebungen» und «Gegenwelten» ins Deutsche übersetzt werden – was aber im Kontext der Ausstellung von 1972 mit den Kategorien Objects und Environments gefasst worden war, meint eher die Gegenüberstellung von Objekten und Atmosphären. Der Einführungstext der Kuratoren spricht von der «sorgfältigen und analytischen Matrix der Kategorien, Differenzierungen und Unterscheidungen», die Ambasz für Italy: The New Domestic Landscape erstellt hatte. Gerade die Präzision der Kategorien stellte ihre Anwendbarkeit provokativ in Frage. Im Kontext der Ökobewegungen und der Sozial- und Verhaltenswissenschaften, die 1972 den Begriff der Umwelt bereits besetzt hatten, machte Ambasz’ Ausstellungsarchitektur mit den Objekten im Aussenraum des Museumsgartens und den Atmosphären im Innenraum des Museums eine Umkehrung, die über die Thesen der ausgestellten Werke hinaus selbst eine Versuchsanordnung präsentierte. Können Wahrnehmung, Verhalten und häusliche Rituale den von der Architektur gegebenen Rahmen sprengen? Was wäre, wenn die klassische Architektur verschwinden und die Disziplin mit einer anderen Ausrichtung überleben würde? Solche Fragen warf Ambasz auf, als er alle Teilnehmer der Ausstellung aufforderte, einen Film abzugeben. Acht kamen der Aufgabe nach. Dass diese acht Filme, erstmals seit 1972, an der Columbia University zu sehen sind, beweist die Versuchsanordnung von 2009, der italienischen Avantgarde über eine Untersuchung ihrer medialen Strategien – die zwar von der Aufgabenstellung des amerikanischen Museums beeinflusst waren – auf die Schliche zu kommen: Der Film als Medium, die Grenzen, Bedingungen und Territorien der Architektur auszuloten. Mit ihrem kritischen Rückblick (in einem kurzen Text, einen Katalog gibt es soweit nicht) bietet die aktuelle Ausstellung keine umfassende Dokumentation, sondern vielmehr eine Aufforderung, zurück zu schauen. Den Katalog zu Italy: The New Domestic Landscape von 1972 aufzuschlagen, lohnt sich allemal für einen Eindruck des Reichtums des gezeigten Materials und der vielschichtigen Kategorien, in die es gefasst wurde. Gae Aulenti kommentiert originales Ausstellungsmaterial (Bild: yskira.com/Peter Lang, 2008)Dokumentation und Gegenwart In Environments and Counter-Environments: Revisiting The New Domestic Landscape von 2009 ist an der Wand beim Eingang ein Film aus der damaligen Ausstellung zu sehen, in dem Piazzen und Arkaden hauptsächlich in Milano, für die Präsentation der Arbeiten von Gae Aulenti, Ettore Sottsass, Marco Zanuso, Joe Colombo, Alberto Rosselli und Superstudio auch in Florenz und bei Siena gefilmt wurden – was dem modernen Design und den provokativen Auffassungen von Architektur und Raum eine stimulierende historische Kulisse hinterlegt. Neben oben erwähnten Architekten und Designern sind Zeichnungen, Filme und Collagen von Archizoom, Gaetano Pesce, Gruppo Strum, 9999, Mario Bellini und Ugo La Pietra ausgestellt. Die acht neu digitalisierten Filme sind in der Mitte des Raums mit Kopfhörern erlebbar. Nur zwei Modelle wurden aus dem Archiv geholt, dafür solche, die das Spektrum der grossen MoMA-Show von damals andeuten: Der Supersurface Microevent von Superstudio ist ein quadratischer Raum mit Bodenraster, dessen karge Möblierung und Modellfiguren der fünfköpfigen Familie sich in den mit Spiegeln belegten Wänden endlos vervielfachen. Das Modell für ein «Projekt einer unterirdischen Stadt zur Zeit grosser Verschmutzung» von Pesce zeigt einen Raum, der zugleich negative Skulptur und Relief ist und eine intensive materielle und formale Präsenz ausstrahlt. Objekte und Ausstellungsarchitektur der legendären Show von 1972 selbst sind in einer Diaschau mit Bildern von Cristiano Toraldo di Francia, Gründungsmitglied von Superstudio, dokumentiert. Mit der Präsenz der drei Kuratoren von Environments and Counter-Environments, Mark Wasiuta, Peter Lang and Luca Molinari, die mit drei Universitäten liiert sind, Pesce und Branzi als Vertreter der Avantgarde der 1960er-Jahre, Ambasz als einstiger Kurator und eigentliches Objekt der Recherche, Hans-Ulrich Obrist als Interviewer und mit Einführungen von Barry Bergdoll und Mark Wigley generierten die Podiumsdiskussionen zu Environments und Objects ein Stell-dich-ein der intensiveren Sorte. Die Frage nach den damals verwendeten Mitteln der Kommunikation, die, wie Moderatorin Felicity Scott anmerkte, durch unsere zeitliche Distanz womöglich mit einem nostalgischen Blick auf die Film-, Video- und Collagetechnik der 1970er-Jahre verunklärt wird, winkte im Verlauf des Abends aus akademischer Ferne, tummelten sich doch Jung und Alt zum Anfassen nah in der Aula, an der Vernissage und beim Apéro. An der Hommage an die Italiener nahmen namhafte Akademiker teil: hier Molly Nesbitt, Beatriz Colomina und Craig Buckley hinter dem Modell des Supersurface Microevent von Superstudio (aus der Sammlung des Archivs von Superstudio) [Bild: SvF]Der Oral History, der mündlich überlieferten Geschichte, haben die Sozialwissenschafter an der Columbia University seit Langem ihr dezidiertes Interesse ausgesprochen und ihr eine Forschungsabteilung und seit 2008 einen Masterstudiengang gewidmet. Auch die Podiumsdiskussionen und die gegenwärtige Ausstellung – als Living Archive Series – geben dem O-Ton der vor 40 Jahren involvierten Persönlichkeiten einen prominenten Platz. Oral History in diesem Sinn allerdings heisst nicht, den Ungehörten eine Stimme zu verleihen, sondern die Zeit noch einmal aufleben und sprechen zu lassen: Dem Archiv wird neuer Atem eingehaucht, indem es geöffnet wird, und aus der Perspektive von 2009 entstehen neue Diskussionen und Beurteilungen. SvF
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