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gewohnt 05|10
 
VOM WERT DES WOHNENS –
den ersten Vortrag in der Reihe Junge Schweizer Architektinnen und Architekten des Architekturforums Zürich im Jahr 2010 bestreitet Zita Cotti aus Zürich; ein Porträt der
Architektin von J. Christoph Bürkle.
Projekt Hochstrasse, Basel, Innenraum (alle Bilder: Architekturbüro Zita Cotti)
Längst ist bekannt, dass Zürich einen grossen Wohnungsbedarf hat und dass es hier kaum einen Leerbestand gibt. Das hängt mit der extremen Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum zusammen; im gehoben Segment ist es auch in Zürich einfacher, eine Wohnung zu finden. Dieses Problem ist auch in anderen Städten und Ländern bekannt, es ist in Zürich aber besonders virulent, weil hierzulande der Wohnungsbau nur sehr geringfügig staatlich gefördert und weitgehend der freien Wirtschaft überlassen wird.

Nicht zuletzt, um dem Wegzug – besonders von Familien – in das günstigere Umland entgegenzuwirken, fördern Stadt und Planungsämter seit vielen Jahren den Wohnungsbau in Zürich gezielt. Es liegt dabei nahe, sich den bestehenden Siedlungsbau in den Randgebieten und die Peripherien von Zürich vorzunehmen und das Thema der Verdichtung neu zu untersuchen. Weiter gilt es, nach Typologien zu suchen, die einerseits die bestehenden Bebauungsmuster angemessen aufnehmen und zugleich das oftmals noch bestehende Leitbild der Gartenstadt in dichtere, urbane Strukturen überführen. So wurden unter dem Credo «10'000 Wohnungen in 10 Jahren» mit grossem Einsatz Siedlungen neu geplant, bestehende ergänzt oder erweitert und saniert, um dem Bedürfnis einer individualisierten Gesellschaft mit immer mehr Raumbedarf wenigstens einigermassen gerecht zu werden.
Projekt Hochstrasse, Ansicht
Gerade für jüngere Architekturbüros wurde so der Siedlungsbau – nach den Jahren des Schulbaubooms – zu einem willkommenen Tätigkeitsfeld. Die Zürcher Architektin Zita Cotti ist eine der Protagonistinnen, die sich fast ausschliesslich mit Wohnungsbau beschäftigt. Zwar war das nicht das erklärte Ziel ihres Büros – selbstständig hat sie sich mit dem ersten Preis des internationalen Wettbewerbs für ein Musik- und Kunstzentrum in Jyväskylä in Finnland gemacht, das zudem die Restaurierung des Defence Corps Building von Alvar Aalto mit vorgesehen hatte. Das Projekt ist bis heute nicht realisiert, es folgte aber kurz darauf der Wettbewerb für die Wohnüberbauung Friedhofstrasse in Zürich Altstetten, den Cotti im Jahr 2000 für sich entscheiden konnte.
 
Dort ging es darum, 14 Eigentumswohnungen in zwei Gebäuden, bei welchen sich die Architektin gezielt mit verdichteter Reihenhaustypologie auseinandersetzte, und das «Wohnen im Garten» in kompakter Form angemessen umzusetzen. So wurden zweigeschossige Maisonnette-Wohnungen entwickelt, die entweder über einen Gartensitzplatz oder eine Dachterrasse verfügen. Der Topografie der leichten Hanglage folgend, erhalten die Volumen einen Reihenhauscharakter, was wiederum möglichst individuelle Nutzungen der Gärten zulässt. Zugleich sind die auf einer Gesamtebene angelegten und nicht versetzten Fassaden zu einem klaren Gesamtbild verwoben.
Projekt Hochstrasse, Grundriss
Kurze Zeit später folgte der 1. Preis im Wettbewerb für die Wohnüberbauung am Katzenbach in Zürich Seebach. Auch hier ging es in einem klar begrenzten Geviert – auf welchem die bestehende Bebauung aus den 1940er-Jahren abgerissen werden sollte – um eine behutsame Verdichtung der Gesamtüberbauung. So musste ein Entwurfsansatz zwischen Individualität und Anpassung an die vorhandene Überbauung gefunden werden, der gleichsam in einem kompakteren wie eigenständigen Weiterbauen mündet.
 
Die Architektin entwickelte sechs alternierend vier- und fünfgeschossige Zeilenbauten, die sie quer zu den umgrenzenden Strassenverläufen stellte. Zwar findet sich dieses Schema in der dispersen Bebauungsstruktur der Umgebung, zugleich ist es eine Typologie, die eher auf die Zeit der Moderne verweist als auf die Gartenstadt. Allerdings lässt sich der Zeilenbau stärker verdichten, und Cotti nahm mit gezielten Massnahmen die scharfkantige Monumentalität der Bauten wieder zurück. So sind die Blöcke zur Strassenseite jeweils versetzt, was den Eindruck eines geschlossenen Volumens erst gar nicht aufkommen lässt, und zugleich lebt durch die weiten
Freiräume zwischen den Zeilen die Idee der Gartenstadt weiter – jene laden die Quartiersbewohner geradezu ein, die Siedlung zu durchschreiten. Als besonders geschickt erweist sich hierbei, dass die privaten Gärten zwischen den Zeilen einander zugewandt liegen, während auf der nächsten Seite die öffentlichen Freiräume eine Durchdringung der Siedlung zulassen und eine Abgrenzung zum Quartier vermeiden. Ein weiteres Element der Auflockerung sind die Versprünge an den Schmalseiten der Blöcke, die jeweils in den eingezogenen Balkonen enden. Dadurch liegen diese weit voneinander entfernt und schaffen individuellere Aussenräume, andererseits «kommunizieren» hier die Bauten – und natürlich die Bewohner – wie selbstverständlich mit der Umgebung. Auch die Wohnungsgrundrisse zeigen, wie durchdacht sich Cotti mit den Möglichkeiten kompakter Wohnmöglichkeiten auseinandergesetzt hat. Beinahe spiegelbildlich zur Z-Form der Zeilen haben die Wohnungen einen Z-förmigen Grundriss, der einen grösstmöglichen Spielraum für individuelle Lebensbereiche zulässt. Ohne viel Erschliessungsfläche zu verlieren, liegen die über die gesamte Breite des Hauses aufgespannten Wohnräume weit voneinander entfernt, und sind doch sinnfällig über die Küchen- und Nassbereiche miteinander verbunden.
Siedlung Katzenbach, Zürich, Aussenansicht
Zurzeit arbeitet das Büro an der Fertigstellung der zweiten Etappe der Überbauung Katzenbach, die bis im Herbst 2010 fertiggestellt sein soll, und zugleich an einer Überbauung für 43 Wohnungen an der Hochstrasse 4 in Basel, bei welcher sie sich 2008 – wohl nicht zuletzt durch ihre Erfahrung im Wohnungsbau – gegen gewichtige Mitbewerber durchsetzen konnte. Hierbei geht es um ein urbanes Projekt, das in Basel, im Gundeldinger Quartier, direkt hinter dem Bahnhof die Erneuerung eines Teiles einer geschlossenen Blockrandüberbauung vorsieht. Mit einer klaren Lochfassade und einer Staffelung der Geschosse wird einerseits der städtische Kontext formuliert und die Verbindung zum übrigen Blockrand hergestellt. Die Versprünge, die sich aus dem Gelände ergeben, werden in der Fassade geschickt nur durch grössere Fenster zu einem klaren Gesamtbild verwoben. Hierdurch ergeben sich unterschiedliche Raumhöhen, die mit den weiterentwickelten Z-förmigen Grundrissen aus der Überbauung Katzenbach ein komplexes Raumgefüge ergeben. Da auch hier die Wohnungen über die gesamte Tiefe des Hauses aufgespannt sind, ergeben sich attraktive Durchblicke zwischen Wohnung und Stadtraum.

Cottis Projekte zeigen eine lange Auseinandersetzung mit dem Wohnbau und nicht zuletzt durch die zahlreichen Projekte, mit denen sie sich beschäftigt hat und die sich durch sorgfältige und gekonnte Bearbeitung auszeichnen, wird sie vermehrt mit Wohnbau identifiziert, wie sie lakonisch anmerkt. «Es braucht eben Fingerfertigkeit im Wohnbau, die man nur mit längeren Studien erreicht», so Zita Cotti – aber sie würde gerne auch einmal andere Aufgaben angehen. jcb
Siedlung Katzenbach, Situation