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gelehrt 08|10
 
SCHWEIZER ARCHITEKTUR-TUGENDEN? – Rückblick auf ein Symposium in Harvard mit Schweizer und US-amerikanischer Beteiligung

Harry Gugger, Inès Lamunière, Marcel Meili und Daniel Niggli sprachen von Schweizer Seite – Danielle Etzler, Mark Jarzombek, Michael Meredith sowie Hashim Sarkis von Seite der USA über Praxis, Theorie und die «Theorie der Praxis». Ein Report von Ole W. Fischer.


Was macht den internationalen Erfolg der zeitgenössischen Schweizer Architektur aus? Was macht überhaupt «Schweizer» Architektur aus? Vielleicht ihr besonderes Verhältnis zum Kontext, wie noch vor Jahren von Vertretern des «Kritischen Regionalismus» behauptet? Kaum. – Oder das Streben nach Präzision sowohl intellektuell als auch in der Umsetzung? Vielleicht. Deutlicher noch verdichten sich Indizien um die konkrete Arbeit am architektonischen Objekt, also die Auseinandersetzung mit Fragen der Produktion, Konstruktion, Materialisierung und sinnlich-haptischen Wahrnehmung von Bauten.

Gibt es ein besonderes Verhältnis zum Physischen in der Schweizer Architektur und – worauf lässt sich dieses Phänomen zurückführen? Auf eine besondere kulturelle Disposition, auf ihre spezifischen ökonomischen, juristischen und technischen respektive handwerklichen Produktionsbedingungen, auf das Selbstverständnis der Architekten beziehungsweise auf die Qualität der Ausbildung, oder gar auf ein differenziertes Verständnis, was eine architektonische Frage oder architektonische Idee eigentlich ist. Eine Annäherung …
Daniel Niggli, Michael Meredith, Danielle Etzler und Harry Gugger (Bilder: Aaron Ovenstein)
Suche nach einer – versteckten – «Theorie der Praxis»

Um diese Hypothese zu testen, haben Elli Mosayebi und ich Schweizer Architekten und Professoren nach Harvard eingeladen, um über ihre «Theorien der Praxis» zu sprechen. Angesichts der eigenen Erfahrungen an der ETH Zürich stachen uns die Unterschiede an der Graduate School of Design (GSD) in Harvard hinsichtlich Unterricht und Entwurf sofort ins Auge. Konkret hinsichtlich konstruktiver Fragen, solcher der Materialisierung, solcher, die das «Ausüben», das «Machen» von Architektur betreffen. Und weiter: Wie geht man überhaupt an einen Entwurf heran, was thematisiert man – und was blendet man aus? Dies geht bis hin zur Sprache: Entwurf bedeutet etwas anderes als Design, ebenso wie Stadt nicht gleich City oder Städtebau und nicht gleich Urbanism ist.

Die Auseinandersetzungen mit «Materialität» und «Konstruktion» sollten als Ausgangspunkte dienen, um über Unterschiede wie über Gemeinsamkeiten zu diskutieren, nicht zuletzt, da diese Themen in der internationalen Wahrnehmung zu Synonymen für Schweizer Architektur geworden sind. Auch zeigen sich am Umgang mit konstruktiven Problemen oder mit jenen der Materialisierung die Differenzen eines Entwurfes: Denn entweder man löst das Problem mit Hilfe der Fachingenieure und Baufirmen möglichst geräuschlos und unsichtbar, um nahe an der Formfindung zu bleiben, – oder man begreift das Problem als Gegenstand des Entwurfes selbst, als Widerstand, der einen Prozess aus Neuüberlegungen und Experimenten in Gang setzt und entsprechend den Bau konzeptuell mitbestimmt.

Generell gibt es wohl verschiedenste Möglichkeiten, eine «architektonische Frage» zu stellen oder ein «Thema» zu formulieren. Diese Herangehensweise liegt vor dem eigentlichen Entwurfsprozess und bildet damit quasi eine – unausgesprochene – Theorie der Praxis der Architektur. Voraussetzung und gleichermassen Resultat sind die Konzepte in der Lehre wie der Forschung. – Um am Symposium Austausch und Gespräch zu unterstützen, haben wir ein diskursives Format gewählt: Auf den Vortrag eines Schweizer Gastes antwortete einer der eingeladenen Harvard- oder MIT-ProfessorInnen mit einem Statement.
 
Es lag weder in der Absicht der Organisatoren, einen neuen Schweizer Stil oder eine neue Schule analog zur «Minimal Tradition» oder der «Tendenza» auszurufen, noch eine Theorie über den Entwurf zu erheben, sondern vielmehr aus einer biografischen Selbstbeobachtung heraus eigene Vorstellungen oder Handlungsmuster zu hinterfragen. Dies, indem man sie einer verwandten, doch im Alltag unterschiedlichen Kultur gegenüberstellt. Denn augenfällig ist, dass es trotz massiver Globalisierungstrends – auch in der Architektur – zu fühlbaren Unterschieden in Lehre und Praxis zwischen den USA und der Schweiz kommt. Wie aber lassen sich diese erklären?
Ole W. Fischer, Inès Lamunière und Michael Meredith
Die vier Debatten

Eröffnend machte Marcel Meili eine Analyse des Architektenvertrages nach SIA, um zu zeigen, dass die Architekten in der Schweiz strukturell in den Bauprozess eingebunden sind. Diese Arbeitsorganisation ist ausschlaggebend, und sie steht im Gegensatz zum amerikanischen Modell aus Developer und Contractor (GU), das heute schon fast global wirksam ist. Doch mache die Verdrängung des Architekten aus der Produktion auch vor der Schweiz nicht halt, so Meili, sondern finde nur verlangsamt statt. Dem stehen kulturelle Qualitätsvorstellungen entgegen, die Meili aus der Geschichte der frühen Industrialisierung der Schweiz jenseits der Zentren herleitet. Die Wertschätzung für konkrete, haptische Objekte, für Dauerhaftigkeit und Qualität bei hohem Preis stamme ursprünglich aus der ländlichen Handwerkerkultur. Einen Ausweg skizzierte Meili mit der Schaffung von Räumen direkt aus der Struktur heraus, um sie so der Willkür des Marktes (Stützenraster, Leichtbau) zu entziehen. – In seiner Antwort wies Mark Jarzombek auf das Problem hin, dass Qualität der Architektur oft durch hohe Preise erkauft werde, welche sie zu einem Luxusprodukt analog von Arts & Crafts werden lasse. Seine berechtigte Frage: Qualitätsproduktion – für wen?

Inès Lamunière
thematisierte alternative Ansätze hinsichtlich der Massivität der Wand, die infolge globalen Klimawandels und nationaler Regelungen durch wachsende Isolationsschichten «zurückgekehrt» sei. Sie bezeichnete die gezeigten Beispiele – atmosphärischer Ortbeton, typologische Betonfertigteile oder verfeinerte Fassadenpaneele – als Resultate lokaler Praxis, also persönlicher und langjähriger Zusammenarbeiten mit örtlichen Baufirmen. Zwar sieht Lamunière in der Schweiz das Problem langsamer Bauprozesse – mitunter wegen Abstimmungen, Einsprachen … –, doch ergebe sich so die Möglichkeit für Varianten, Experimente und Studien in 1:1. – Michael Meredith bekundete daraufhin seine Bewunderung für die Auseinandersetzung mit dem Realen, wie etwa die Konzentration auf Wand und Fenster, doch ging seine Bitte «I want to be Swiss» ins Leere – denn die Schweiz gebe es nicht, so Lamunière.

Daniel Niggli gab in «seine» Theorie Einblick, indem er Referenzbilder aus der Vorstellungswelt von EM2N zeigte, die er analog zu Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas in Gruppen gliederte. Einen weiteren Strang seiner Argumentation bildete die Abgrenzung sowohl gegenüber diagrammatischem Entwerfen als auch minimalistischem Purismus und konstruktiver Ehrlichkeit. Stattdessen interessiere er sich für das, was ein architektonisches Element könne, wie es sinnlich wirke. Zudem redete er einem skeptischen Manierismus à la Venturi das Wort, der Widerspruch und Komplexität nicht ausschliesse, sondern diesen als Bereicherung verstehe. – Unterschiede in der Diskussion mit Danielle Etzler zeigten sich schon auf sprachlicher Ebene, so am Begriff Pragmatismus. Denn Niggli sieht gerade bei komplexen Bauaufgaben Widerständigkeiten …, um sich ebenso dezidiert von Anleihen der French philosophy abzugrenzen. Ist die Realität radikaler als die Theorie?

Im letzten Vortrag kam Harry Gugger auf den Architektenvertrag und die zunehmende Verdrängung des Architekten aus dem Bauprozess respektive der strategischen Planung zurück, weshalb er zum Gegensteuern aufrief: Die Architekten müssten verlorenes Terrain mit Hilfe der «digitalen Kette» zurückgewinnen, wie er mit Beispielen aus dem Büro HdeM und der EPFL zeigen konnte. Dazu, so Gugger, bedürfe es einer hohen Professionalität ebenso wie einer Haltung des Dilettanten, der frisch – und unvoreingenommen – auf die Dinge schaue. Ein weiteres Paradox: In der Schweiz ist der Beruf des Architekten nicht geschützt, gleichzeitig haben Architekten umfassende Verantwortung für Bauten und finden mit einer handwerklich organisierten Bauindustrie noch qualitätsbewusste Partner. Deshalb gelte es, die Handwerkslehre und den praktischen Beruf gegenüber dem (amerikanischen) Bachelor-Master-System zu verteidigen. Und sich vor allem nicht in das scheinbar Notwendige fügen, denn, wie er es auch im Gespräch mit Hashim Sarkis hervorhob, seien Architekten wenig ambitioniert und Apologeten des Status Quo, statt die Dinge zu verändern. 
Elli Mosayebi, Marcel Meili und Mark Jarzombek
Ein wichtiger Einwurf aus dem Publikum war die Frage nach den Wettbewerben. Denn im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» kennt man den offenen Architekturwettbewerb als Instrument nicht! Entweder spricht hier eine Jury namhafte Architekten direkt an – und lädt sie zu einer Konkurrenz ein – (oft auf Zuruf einflussreicher Spender und Mäzene), oder aber Architekten gehen den Weg der mühsamen Zulassung in jedem einzelnen Bundesstaat, wobei für jede Bauaufgabe bereits ein realisiertes Projekt vorliegen muss (analog zur Präqualifikation). In der Schweiz hingegen spielt der Wettbewerb (noch) eine wichtige Rolle sowohl für den Berufseinstieg als auch als Herausforderung für etablierte Büros.

Fazit

Auf den Punkt brachte es Gugger im abschliessenden Panel – mit einer autobiografischen Anekdote: Als er 1988 als ETH-Austauschstudent an der Columbia University New York war, präsentierte er sein Projekt auf einem 7m langen Tuschplan, inklusive Detailschnitt und Konstruktion, der ihn eine Woche Zeichenarbeit gekostet hatte. Der zur Schlusskritik geladene Peter Eisenman kommentierte: «Oh, a craftsman!», um nach einer kurzen Pause fortzusetzen: «But where is the idea?» – womit die Kritik fürs Erste beendet gewesen sei. Eine kleine Skizze der Studentin, die nach Gugger an der Reihe war – wir dürfen annehmen, eine Columbia-Studentin – habe demgegenüber eine einstündige Debatte entzündet … Jaja, damals, zu den Hochzeiten der Dekonstruktion – und heute?

Ole W. Fischer