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Der Architektenwettbewerb ist kein veraltetes Instrument. Trotzdem häufen sich die Beispiele, in denen weder Jury- noch Architektenarbeit akzeptiert werden. Nach außen stellt dies die Leistung der Architekten in ein schlechtes Licht. Doch meist ist der Wettbewerb ausgelobt, bevor Konflikte ausgetragen wurden, die der Wettbewerb nicht lösen kann. Werden nicht rechtzeitig die Entscheidungen getroffen, die es vor dem Wettbewerb zu treffen gilt, ist Frustration vorprogrammiert. Dabei gibt es Alternativen. Wenn jeder an einer Ecke vor sich hin wurschtelt, kann es auch mit einem Wettbewerb nichts werden. (Bild: aus Frank Werner: Die vergeudete Moderne, Stuttgart 1981)Für den 25. Oktober war die Pressekonferenz angesetzt, an der das Ergebnis eines Wettbewerbs bekannt gegeben werden sollte, der einer der wichtigsten für Stuttgarts Innenstadt ist. Es geht um die Konrad-Adenauer-Straße, die als Stadtautobahn Oper, Theater, Landtag, Neues Schloss auf der einen Seite von Alter und Neuer Staatsgalerie, Landesbibliothek, Haus der Geschichte sowie Stadtarchiv und -bücherei auf der anderen Seite trennt. Bald nun soll ein Teil der Konrad-Adenauer-Straße unterirdisch verlaufen. Das heißt: Städtebauliche Bezüge ließen sich wieder aufnehmen und weiterführen, es ließen sich neue Konfigurationen durch Neubauten entwickeln. Der städtebauliche Ideen- und Realisierungswettbewerb sollte hierfür konkrete Lösungen bringen. Doch die Pressekonferenz wurde kurzfristig abgesagt, da die Jury keine Preisträger küren wollte. In der Pressemeldung dazu wird der Oberbürgermeister Schuster mit den Worten zitiert: „Wir haben bei sechs Entwürfen großes Potenzial gesehen, allerdings waren viele Ideen nicht realisierbar oder es wurde eine zu umfangreiche Bebauung vorgeschlagen. Da die Konrad-Adenauer-Straße das neue Stadtbild künftig erheblich mitprägen wird, ist es mir sehr wichtig, hier ein gutes Ergebnis zu erzielen. Daher haben wir uns entschlossen, den sechs Kandidaten erneut Zeit zu geben, ihre Entwürfe zu verfeinern und weiter auszuarbeiten.“ Die Anonymität soll dabei weiter gewahrt bleiben. Das klingt nach einem fairen Vorgehen und besonnenem Handeln. Aber nur wenn man aus der Ferne zuschaut. Stuttgarts Konrad-Adenauer-Straße ist noch eine Stadtautobahn. Einstweilen bleibt offen, wie sie in Zukunft aussehen soll. (Bild: Christian Holl)Sieht man genauer hin, stellt sich die Sache anders dar. Auslobung und Wettbewerbsunterlagen legen den Schluss nahe, dass der Ausloberin, der Stadt Stuttgart, das gute Ergebnis so wichtig nicht gewesen sein kann. Die Unzufriedenheit der Jury mit den Ergebnissen war vorhersehbar. Der Wettbewerb war schlecht vorbereitet worden, wichtige Aussagen hatten den Teilnehmern nicht zur Verfügung gestanden. Die Bearbeiter mussten die neue Verkehrsplanung selbst in den alten Katasterplan übertragen. Pläne und Querschnitte des neu geplanten Tunnels lagen nicht vor. Lage und Größe der Lüftungsbauwerke blieben unbekannt. War in der Auslobung noch deren Einbindung gefordert, hieß es im Kolloquium, sie seien nicht das Thema des Wettbewerbs. Zur Gestaltung des Akademiegartens waren widersprüchliche Aussagen gemacht worden. Ein Chaos. Und die für den Realisierungsteil vorgesehene Bausumme war mit "maximal" 1,5 Millionen Euro recht bescheiden bemessen. Wer aber ein "gutes Ergebnis" will, muss auch bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen. Es muss Sorgen machen wie hier die Arbeitsleistung von Architekten und Planern entwertet wird. Wie will man unter Planern Partner finden, wenn man sie erst dazu missbraucht, unentgeltlich Hilfestellung zu leisten, damit die Verantwortlichen herausfinden, was sie eigentlich wollen – ohne dass das Verfahren als ein offener Diskussionsprozess programmiert wurde? Nun wird von zu umfangreicher Bebauung gesprochen, obwohl zuvor nicht fest gelegt worden war, welchen Umfang man sich denn gewünscht hatte. Und dabei geht es nicht in erster Linie um die Ressortverantwortlichen, den Baubürgermeister und die Verwaltung, die sich nach Kräften mühen, die man aber oft einfach im Regen stehen lässt. Von Baukultur lässt sich erst reden, wenn sich auch Fraktionen, Kämmerer, Oberbürgermeister sowie Immobilienmanager, Grundstückseigentümer und Verbände für eben diese verantwortlich fühlen. Doch Stuttgart ist kein Einzelfall: Im Baunetz wird Alexander Koblitz, der Sieger des Wettbewerbs "Haus der Bildung" in Bonn zitiert: "Wir gewinnen einen Wettbewerb und müssen um dessen Realisierung kämpfen. Als Architekt fragt man sich dann schon, wofür man die Mühe mit Wettbewerben auf sich nimmt, wenn anschließend die Meinung einer hochkarätig besetzten Fachjury scheinbar so leicht vom Tisch gewischt wird." Oder Berlin: Die nicht ohne konstruktive Auseinandersetzung getroffene Entscheidung für die Sanierung der Berliner Staatsoper ist vom Regierenden Bürgermeister Wowereit umgehend kassiert worden. Ein neuer Architekturwettbewerb soll nicht stattfinden. Bedingung bei der Sanierung des Zuschauerraums in der Staatsoper sei nun, dass man sich bei den Rekonstruktionen stark an den vorhandenen Saal des damaligen DDR-Architekten Richard Paulick orientieren müsse. Der Sieg der Denkmalpflege, von dem dann etwa Nikolaus Bernau sprach, hat dadurch einen schalen Beigeschmack, und zwar nicht nur, weil die Denkmalpflege Wowereit in anderen Fällen laut Bernau "im besten Fall egal" sei, was wohl auch heißt, dass die Denkmalpflege von diesem Sieg in Zukunft nicht wird profitieren können. Wichtig ist vielmehr: Diese Entscheidung hätte man treffen können, ohne Architekten arbeiten zu lassen, um sie dann am Ende mit leeren Händen zu entlassen. Nur Wowereit hätte sich dann nicht als tatkräftiger Macher inszenieren können. Oder Köln: Wir berichteten über den Eiertanz von Kölns Oberbürgermeister Schramma und das politische Umfeld des Wettbewerbs "Archäologische Zone und Jüdisches Museum". Auch hier wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, ohne dass sich zuständige Gremien darüber geeinigt hätten, was sie für richtig halten. Nun könnte man einwenden, dass man über die Konsequenz einer Entscheidung erst befinden kann, wenn mögliche Lösungen auf dem Tisch liegen. Richtig. Nur muss das auch vorher deutlich sein, das Verfahren entsprechend gestaltet werden. Hingegen einen Wettbewerb auszuloben und eine Jury zu bestellen, sich aber offen zu halten, ob man deren Urteil auch akzeptieren will, ist schlechter Stil. Mehr noch, das heißt nichts weniger, als bereit zu sein, die Arbeit von Architekten und Planern als Verfügungsmasse in einem miesen politischen Spiel einzusetzen. Was hier auf dem Rücken der Architekten ausgetragen wird, zeugt von fehlender Diskussionskultur. Die konventionellen Wettbewerbsverfahren sind nicht entwickelt worden, um politische und gesellschaftliche Konflikte zu lösen. Hierfür gibt es andere Verfahren. Und die müssen nicht notwendigerweise den gestalterischen, den architektonischen, den stadtplanerischen Aspekt außer Acht lassen. Seien es Workshops, bei denen die Konsequenzen von möglichen Entscheidungen getestet werden, seien es runde Tische, öffentliche Hearings, internetgestützte und andere Bürgerbeteiligungsverfahren, die Palette ist breit und darf gerne erweitert werden. Der klassische Wettbewerb kann sich dann immer noch anschließen. Der Siegerentwurf von Max Dudler für die Stadthalle Reutlingen wurde in einem Wettbewerb erst ermittelt, nachdem die Bürger befragt worden sind, ob sie diese Halle überhaupt wollen. (Bild: Max Dudler, Berlin)Denn es geht auch anders. Man kann auch erst die Bürger befragen, erst Beteiligungsprozesse durchführen und dann einen Architekturwettbewerb ausloben. Beispiel gefällig? Reutlingens Entwurf für eine Stadthalle auf dem Bruderhausgelände wurde so gefunden. Zwar musste man auch in Reutlingen die schmerzhafte Erfahrung machen, dass der in einem Wettbewerb zuvor gefundene Entwurf für ein Kultur- und Kongresszentrum durch einen Bürgerentscheid gekippt wurde. Aber man hat daraus wenigstens gelernt. So kommt man auch nicht in Versuchung, den Einfluss von wirtschaftlich potenten Initiativen und Rekonstruktionsvereinen mit dem Bürgerwillen gleichzusetzen.
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