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Die Finanzkrise ging vom Kollaps der Immobilienmärkte in Amerika aus. Nun bangen Architekten um Aufträge, werden Prestigeobjekte in Frage gestellt. Dabei war das Desaster vorhersehbar. Vorbei an tatsächlichen Bedarfen und ohne Rücksicht auf lokale Gegebenheiten wurden Immobilien zu globalen Handelsobjekten frisiert. Das nun all dies in Frage gestellt wird, ist daher für die Städte auch eine Chance. Am besten ist dies an einem Ort sichtbar, der mehr als andere vom Boom zu profitieren schien: London. Kann er helfen? Marx' scharfsinnige Beobachtungen sind angesichts der globalen Wirtschaftskrise wieder interessant geworden. (Bild: flickr.com/ MisterPeter!)Es gibt auch Gewinner der Finanzkrise. Weil das Bedürfnis nach Orientierung enorm scheint, und obwohl bekennende Marxisten noch vor kurzem bestenfalls als Sonderlinge galten, sind die Verkaufszahlen von Marx' "Kapital" mittlerweile in die Höhe geschnellt und machten den Geschäftsführer des ansonsten eher unbekannten Dietz-Verlags zu einem gefragten Interviewpartner. Architekten und Planern hilft die Marx-Lektüre vielleicht nicht direkt, aber mit den Hintergründen der aktuellen Krise werden sie sich wohl trotzdem auseinandersetzen müssen. Schon allein weil die aus der Hypothekenkrise entstandene Finanzkrise nicht nur die Architekturbüros und Baufirmen betrifft, die nun vielleicht weniger zu tun haben und Mitarbeiter entlassen müssen, sondern vor allem weil sie grundsätzliche Auswirkungen auf die gebaute Umwelt haben wird. Gerade in einer Stadt wie London, in der der Finanzsektor in den letzten Jahren einen beispiellosen Boom ausgelöst und die Immobilienpreise in ungeahnte Höhen hat schießen lassen, ist es daher naheliegend, sich auch mit den Folgen der Krise intensiver auseinander zu setzen. Das University College London hat sich des Themas angenommen und dazu ein sehr anregendes Symposium veranstaltet. Wenigstens die Veranstalter waren von der Krise nicht überrascht, allenfalls von ihrem Ausmaß: Die Vorbereitung begann lange vor der letzten Zuspitzung der Krise, als noch niemand absehen konnte, in welchem Ausmaß die faulen Hypotheken der US-Banken Wirtschaftssysteme weltweit ins Wanken bringen würden. Und dass Alan Greenspan am Vorabend der Veranstaltung verkündete, er habe sich wohl doch geirrt und die Regulationskräfte des Kapitalmarktes falsch eingeschätzt, hätte gar nicht passender geplant werden können. Die City ist noch zu sehen, doch von ihrem Glanz ist hier im Osten Londons wenig geblieben. Die Mieten und Hauspreise sind trotzdem hoch. (Bild: Maren Harnack)Aber nicht nur das Timing der Veranstaltung war vorbildlich, auch inhaltlich wurde einiges geboten. Dariusz Wojcik von der Universität Oxford zeigte anhand umfangreichen Datenmaterials, dass der Handel mit den sogenannten "Mortgage Backed Securities", der die aktuelle Krise ins Rollen brachte, eine Finanzmarkt-Innovation war, die der normalen Investitionslogik von Banken und Anlegern widerspricht. Denn der Handel mit Hypotheken erfordert lokal gebundenes Wissen, beispielsweise über Lagequalitäten oder die Geschäftsfelder von Firmen. Immobilien wurden mit diesen Produkten aber für die weltweite Spekulation verfügbar gemacht, obwohl sie sich denkbar schlecht dafür eignen. Vielen der Investoren war wahrscheinlich gar nicht klar, dass sie ihr Geld in Einfamilienhäuser am Stadtrand von Detroit investiert hatten – sonst wäre der ganze Schwindel wohl schon früher aufgefallen. Gleichzeitig zeigte Wojcik, dass nicht etwa vollkommen neue Erklärungen gefunden werden müssen, um das derzeitige zugegebenermaßen sehr turbulente Geschehen zu verstehen, sondern dass das ganz normale Repertoire des Volkswirtschaftlers hierzu vollkommen ausreicht. Der Immobilienmarkt hätte sehr wohl auf die Krise vorbereitet sein können – im Erfolgsrausch waren die Grundsätze der Sorgfalt einfach vernachlässigt worden. Besonders sichtbar wurden die Veränderungen im Finanzsektor in London im gewandelten Erscheinungsbild der City, wie Maria Kaïka von der Universität Manchester zeigte. Hier hielt man noch lange nach Margaret Thatchers großen Deregulierungsaktivitäten an den räumlichen Traditionen fest: Die Struktur blieb kleinteilig, die Häuser wuchsen keinesfalls so hoch, dass die visuelle Dominanz von St. Pauls bedroht gewesen wäre. Erst in den letzten Jahren wurden die Konzentrations- und Beschleunigungsprozesse auch im Stadtbild sichtbar – unter anderem in Form von Norman Fosters Gherkin – und die City breitete sich mit ihrer gnadenlosen Renditelogik rücksichtslos in die angrenzenden Quartiere aus. Dass diese teuren Großbauten für andere Formen der Erwerbstätigkeit wenig geeignet sind, beispielsweise für die in der Folge der Krise erwartete Zunahme unterschiedlicher Kombinationen von Wohnen und Arbeiten, selbstständiger und abhängiger Beschäftigung, Erwerbstätigkeit und Selbstversorgung, interessierte bis vor kurzem niemanden. Ob die bisher als ökologisch vermarkteten Hochhäuser wirklich nachhaltig sind, kann also ernsthaft bezweifelt werden. Auch im Wohnungsbau erweist sich die renditeorientierte Optimierung nun als weniger optimal als bis vor kurzem gedacht, so Max Nathan von der London School of Economics. Wegen der extremen Immobilienpreise konnte sich niemand vernünftige Wohnungen leisten, was den ganz offensichtlich doch nicht allwissenden Markt dazu veranlasste, viel zu viele viel zu kleine Zweizimmerwohnungen bereitzustellen, die sich nicht einmal in die noch immer dringend gebrauchten Sozialwohnungen für Familien umnutzen lassen. Jetzt stehen sie leer. Eines der wenigen positiven Beispiele für Wohnungsbau, der auf die tatsächlichen Defizite des Marktes eingeht: Wohnungsbau in der Coin Street von Haworth Tompkins am Südufer der Themse. (Bild: Maren Harnack)Andrew Harris vom University College London vertrat die Ansicht, dass die Finanzkrise in London möglicherweise nicht nur auf den Immobilienmarkt einwirkt, sondern dass auch der für das Image Londons als Global City besonders wichtige Kunstmarkt einbrechen könnte, mit weitreichenden Folgen für das kulturelle Leben der Stadt. Schon heute wäre Damian Hirsts kürzlich durchgeführte Auktion bei Sotheby’s kaum noch so erfolgreich, wie sie es Mitte September sein konnte, denn ein großer Teil des in diese sehr teure Kunst investierten Geldes kommt aus der Immobilien- und Finanzbranche, und nicht zuletzt wird auch Kunst als Investment betrachtet, das sich eines Tages lohnen soll. Aber ähnlich wie bei den Finanzderivaten könnte sich auch das Vertrauen in den angeblichen Wert eines der vielen Punktebilder von Damian Hirst plötzlich in nichts auflösen.
Das große Interesse an dieser Veranstaltung zeigte, dass nach den Jahren des (Bau-)Booms, in denen die Diskussionen, wenn sie überhaupt geführt wurden, darum kreisten, wie denn der Tiger am besten zu reiten sei, das Bedürfnis nach grundlegenden Diskussionen über den Sinn und Zweck von Stadtentwicklung wieder erwacht ist. Die Krise ist also nicht nur ein Problem – sie lässt der Stadt zum ersten mal seit Jahren wieder eine Atempause. Sie kann genutzt werden, um über die zukünftige Stadtentwicklung nachzudenken. Denn wer fragt, wem Politik und Stadtentwicklung eigentlich nützen, ist nicht länger nur ein langweiliger Spielverderber, sondern endlich wieder ein ernstgenommener Diskussionspartner. Umstrittene Projekte werden einer gründlichen kritischen Bewertung unterzogen und sicher wird so manches Hochhaus nun doch nicht gebaut werden. Dies muss langfristig nicht zum Schaden der Stadt sein, im Gegenteil: Momentan sieht es so aus, als werde die zwangsweise Atempause schöpferische Kraft entfalten. Denjenigen, die noch nicht so recht wissen, wohin mit ihrer schöpferischen Kraft, empfehlen wir einen Spaziergang auf dem Friedhof von Highgate; neben vielen anderen Berühmtheiten wurde hier auch Karl Marx begraben, vor dessen Grab sich sicher trefflich über die neuen Zeiten sinnieren lässt. Aber melden Sie sich an, möglicherweise sind Sie nicht der einzige Besucher! Maren Harnack |
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