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Banalität in Berlin
 
Glückliche Jurymitglieder sehen anders aus – wen wundert's? Ein unwürdig eng gefasster, weltweit ausgelobter Wettbewerb, an dem sich kaum 10 Prozent der in Frage kommenden Architekten beteiligten, und eine vorwiegend konservativ besetzte Jury ließen keine bemerkenswerten Architekturentwürfe erwarten. Erstaunlich, dass ein intelligent konzipiertes und ästhetisch anspruchsvolles Projekt überhaupt gesichtet wurde – praktisch wurde es als "Sonderpreis" entsorgt. Statt dessen bekommt Berlin neben rekonstruierten Fassaden eine mediokre Versicherungsarchitektur, die banaler und biederer kaum hätte ausfallen können.
49_1.jpgIm Blitzlichtgewitter: der Minister und sein Staatssekretär; zwischen ihnen und den Journalisten steht das umlagerte, aber nicht umjubelte Preisträgermodell. (Bild: Ursula Baus)
Wen interessiert die "Hauptstadt" und die Schlossdebatte überhaupt wirklich noch? Es war kurios: Am vergangenen Freitag stürmten zig Reporter mit beeindruckenden Film- und Fotokameras die Treppen des Kronprinzenpalais' hinauf, als verkünde dort Angela Merkel das Ende der Finanzkrise. Nämliches Medieninteresse galt aber ihrem Minister Tiefensee, der das schüttere und damit beklemmende Ergebnis des Humboldt-Forum-Wettbewerbs als hervorragende Architektur zu verkaufen suchte. Schönrednerei – die beherrscht die politische Klasse vortrefflich.
Am weltweit ausgelobten Wettbewerb hatten sich in der ersten Phase statt der erwarteten 800 bis 1000 nur 85 Büro beteiligt, 30 von ihnen schickte man ins Finale – und "erfolgreich" waren (im Folgenden sind die Architekten mit den Seiten verlinkt, auf denen das BMVBS dankenswerterweise ihre Arbeiten zeigt): Francesco Stella aus Vicenza mit dem ersten Preis, zweite Preise gab es nicht. Die vier dritten Preise gingen an Eccheli e Campagnola aus Verona, Christoph Mäckler, Kleihues und Kleihues sowie Hans Kollhoff; angekauft wurden die Entwürfe von NRS Tchoban und Reimar Herbst Architekten. Kuehn Malvezzi Architekten zeichnete die Jury mit dem Sonderpreis aus.
49_2.jpg1. Preis für Francesco Stella – eine triste Treppenwand an der Ostfront, monotone Rasterfassaden an den Neubaukörpern
Im Wettbewerb ging es im wesentlichen darum, drei Außenfassaden und die Fassaden des so genannten Schlüterhofes als Rekonstruktionen in den Entwurf einzubeziehen, außerdem ein vages Ausstellungsprogramm, eine Bibliothek, ein diffuses Humboldt-Forum und etwas Gastronomie unterzubringen. Gerade die hoch gelobte Idee eines Humboldt-Forums, von dem keiner genau weiß, was es sein soll, erwies sich als untaugliches politisches Mittel zur Durchsetzung des Bauvorhabens, siehe auch Peter Richter in der FAS vom 30.11.08.
Festzuhalten bleibt: Ein sehr erstaunlicher Zufall wollte es, dass im weltweit ausgelobten Wettbewerb die fünf letztlich ausgezeichneten Entwürfe von zwei Landsleuten des Juryvorsitzenden und drei altbekannten Vertretern der deutschen "Steinfraktion" aus dem Kreise guter Bekannter des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann stammen. Auch die beiden Ankäufe und der Sonderpreis gingen an Berliner Büros. Der hoch angesetzte Wettbewerb schrumpfte auf lokalpolitisch relevantes Bezirksniveau mit 40 Berlinern, ein paar Versprengten aus der Republik und gerade mal 11 Ausländern: Kein Engländer, ein Franzose, kein Spanier, kein Holländer, kein Skandinavier, kein Amerikaner, kein Chinese, kein Japaner – der Blick auf die Liste der 85 ausgewählten Büros (als Download hier) zeigt das ausgesprochen provinzielle Interesse an der Aufgabe.
49_2a.jpgDer genauere Blick auf Stellas Fassaden bestätigt deren Banalität. Sandsteinverkleidung stellte er in den Plänen rosa dar.
In einer eineinhalbtägigen Jurysitzung, in der es nicht friedlich zuging, kürten als Fachpreisrichter: Vittorio Magnago Lampugnani (Vorsitzender), David Chipperfield, Giorgio Grassi, Petra Kahlfeldt, Peter Kulka, HG Merz, Gesine Weinmiller, Peter Zlonicky; als Sachpreisrichter: Wolfgang Tiefensee (Minister), Bernd Neumann (Staatsminister für Kultur), André Schmitz (Staatssekretär), Regula Lüscher (Senatsbaudirektorin), Hermann Parzinger (zukünftiger Hausherr, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz), Dirk Fischer, Wolfgang Thierse (beide im Bundestag). Mal ehrlich: Welcher Architekt beteiligt sich unter diesen personellen Voraussetzungen an einem arbeitsintensiven Wettbewerb mit frischen Ideen, wenn er erkennt, dass diese nicht erwünscht sind? Eben. Auch wenn dem Juryvorsitzenden Vittorio Magnago Lampugnani wie weiland, als er die "Neue Einfachheit" verkündete, der Spiegel als Sprachrohr zur Seite stand, um vor der Jurysitzung doch ein bisschen was Zeitgenössisches einzufordern und der Spiegel dann andere Jurymitglieder anzapfte, bevor sie tagten – das schickt sich alles eigentlich sowieso nicht –, also trotz alledem ließ sich die Marschrichtung der Jurystrategen nicht mehr ändern. Und die Teilnehmerliste schon gar nicht.
49_2bDie dreidimensionalen Visualisierungen des 1. Preises – schwarzweiß unter blauem Himmel
Mit bestem Wissen und Gewissen kann man sich hier auf einen Kommentar zum ersten Preis und zu dem Beitrag, der als intelligent konzipiert und gut entworfen gelten kann, beschränken. Und natürlich muss man das Thema Politik ansprechen. Die Arbeiten der letzten 30 werden übrigens bis 21. Dezember im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, täglich von 12 bis 20 Uhr gezeigt; bis zum heutigen Mittwoch sind lediglich die Arbeiten der genannten Architekten bekannt. Der 65jährige Francesco Stella, den in der Fachwelt kaum einer kennt, der zu Stimmanns Zeiten aber schon mal Juror eines städtebaulichen Wettbwerbs war, überdacht den westlichen Hof (Schlossforum) und setzt östlich davon zwei Trakte quer, die eine öffentliche Passage bilden. Eine feine Idee, den Schlossbaukörper mit einer Passage auf der Hälfte der Längsseite durchlässig zu machen. Das Schlossforum ist bereits eng und hoch, die Passage allerdings erzeugt klaustrophobische Gefühle. Die neuen Fassaden – Stahlbeton mit heller Sandsteinbekleidung – sind obendrein dermaßen banal, dass man seinen Augen nicht traut: So sah die Versicherungsarchitektur seit den Neunzigerjahren aus. Das mit Abstand Schwächste an diesem Entwurf sind die Neubauteile, die angeblich in der Tradition des italienischen Rationalismus stehen. Unbegreiflich ist der östliche Trakt des Ensembles, eine "Loggia" mit einem Trepp'-auf-und-Trepp'-ab, das verstehe, wer will. Welche Kalamitäten die Nutzung in den engen Räumen mit sich bringt, erklärte ausführlich Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung vom 29.11.08. Dieses triste Ergebnis trägt nicht – wie mal verkündet – zur nationalen Identität bei und hat mit der Leistungsfähigkeit der deutschen, europäischen, weltweiten Architektenschaft nichts zu tun.
49_3.jpgKuehn Malvezzi schlugen eine erlaubte Alternative zur Kuppel und einen einheitlichen, sorgfältig in Ziegel ausgeführten Schlossbaukörper vor, der je nach Finanz- und Gemütslage "dekoriert" werden kann.
"Beeindruckt" war die Jury laut Lampugnani lediglich von einem Entwurf, der sie offenbar gründlich spaltete und den sie zum "Sonderpreis" deklassierte. Man weiß ja, wie solche Kuhhandel in uneinigen Jurys ablaufen. Kuehn Malvezzi aus Berlin gelang ein trefflicher, funktionaler Coup: Von einer zentralen Stelle aus erschließen sie alle wesentlichen Nutzungseinheiten. Sie entwarfen außerdem einen unverkennbar zeitgenössischen, räumlich reizvollen Hof, und intelligent sieht ihre langsame Lösung des Fassadenproblems aus: Sie konzipieren die Rekonstruktion der Fassaden in feiner Ziegelbauweise, die auch (wie bei der Neuen Wache) ohne Putz und Dekor gut aussieht – schließlich geht uns gerade allüberall das Geld aus, und von Boddiens Fassadenfinanzierungsverein kommt wahrscheinlich nicht viel zusammen, um das Putzwerk anzubringen. Sie interpretieren auch den vergleichsweise offen gelassenen Beschluss zur Rekonstruktion der Kuppel – auf Nachfrage war im Wettbewerb die Gestalt der Kuppel als abhängig vom Entwurf bezeichnet worden – mit einer eleganten Lösung: Ein knapp 40 Meter weit gespanntes, helles, weil transluzentes Dach. Und im Ganzen beweisen sie, dass Rekonstruktion, will sie gesamtgesellschaftlich begriffen werden, falsche Gegensätze einfach aufheben muss und kann. Architektur und Ornament spielen hier auf eigentümliche, zeitversetzte Weise zusammen.
Falsche Gegensätze mögen die Jury gespalten haben – aber einigen musste sie sich trotzdem. Wir wissen es: In Gefahr und höchster Not, bringt der Mittelweg den Tod. Der Entwurf von Francesco Stella dürfte der allerkleinste, gemeinsame Nenner sein, auf den man sich in der Jury strategisch einigen wollte. Er ist ein belangloser Kompromiss. Die dritten Preise, das sei zugegeben, waren allesamt unausgegoren und dürftiger als der erste – aber das macht diesen nicht besser.
49_3a.jpgGrundriss, neuer Hof und Vorbild "Neue Wache" des Entwurfs von Kuehn Malvezzi
Tja, die Presse. Die Bilder und O-Töne fix liefernder Sender zeigten sich ratlos. Weder war ein "Stararchitekt", noch ein spektakuläres Projekt zu vermelden – und das kommt im Fernsehen dann nicht gut. Die Tagespresse reagierte in altbekannten Mustern auf Rekonstruktionsthemen, wobei die Berliner Blätter leidenschaftslos, aber politisch korrekt lobten. Nikolaus Bernaus differenzierte Sicht in der Berliner Zeitung klang bereits an. Die Welt jubelte in unübertrefflicher Peinlichkeit: "Beziehungsreicher könnte man eine solche Konstellation nicht erfinden: Zwei Tage vor dem 500. Geburtstag des großen Renaissance-Baumeisters Andrea Palladio aus Vicenza erhält ein italienischer Architekt aus Vicenza den Auftrag, das Berliner Stadtschloss als Humboldt-Forum wiederaufzubauen". Eine dreistere Beleidigung für Andrea Palladio kann man sich derzeit kaum ausdenken. Der Spiegel vom Montag, den 1.12.08, kritisiert dagegen harsch und sieht die Chance auf eine zeitgemäße, bessere Lösung vertan. Was die ZEIT und die Fachblätter meinen, wissen wir noch nicht.
Ja, die Szene ist erschöpft von fruchtlosen Streitigkeiten, aberwitzigen Grabenkämpfen – und nicht zuletzt von dem enttäuschenden Ergebnis. Es muss leider eine weitere Diskussion geführt werden: Kritiklos darf man sich hierzulande eine solche Banalität nicht bieten lassen, gerade weil dem Wettbewerb so hohe symbolische Bedeutung beigemessen wurde. Man kann zwar die Auffassung vertreten, diese Bedeutung sei völlig überschätzt, weil die föderalistische Republik ohnehin anders funktioniert als jede zentralisierte – dann erst recht steht das immer absurder anmutende Schlossprojekt in der Kritik, die Wolfgang Pehnt am Frevel "historischer Fiktion" festmacht (Spiegel, 1.12.08). Vor sechs Jahren traf der Deutsche Bundestag eine Entscheidung mit konkreten Rekonstruktions- und Entwurfsvorgaben, die ein Mal mehr beweist, dass Politik bei konkreten Architekturfragen überfordert ist. Architektur ist genauso wie Literatur oder Kunst oder Medizin oder Juristerei Gegenstand fachkundiger Entscheidungen und wissenschaftlichen Interesses. Der populistische, manipulative Missbrauch für politische Zwecke ist in allen diesen Disziplinen von Übel und einer Wissens- und Kulturgesellschaft schlichtweg unzuträglich. Und wir wollen nicht kritiklos darüber hinweg gehen, dass "historischen" Fassadenbildern hinterhergejagt wird, wo für sorgfältig durchdachte, neue Aufgaben der Architektur die schönsten und besten Räume erfunden werden müssen. ub