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Die Einheitsblamage
 
Berlin hat einfach keine Fortüne mit dem Gedenken. Das Holocaust-Mahnmal kam erst im zweiten Anlauf in die Gänge, doch dann wenigstens überzeugend. Über Denkmäler für verfolgte Sinti und Roma oder Schwule wird mehr gestritten denn gedacht. Die Topographie des Terrors war lange eine elende Hängepartie um den hartleibigen Peter Zumthor, bis man sich zu einer harmlosen Minimallösung ohne den Stararchitekten durchrang, die derzeit gebaut wird. Gedenkstätten sind in Deutschland immer Zankapfel von Bedenkenträgern.
19_1.jpgKaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal von Reinhold Begas (Bild: Bundesarchiv, B145, A. Frankl, 1939)
Derlei Probleme kannte die Kaiserzeit nicht. Ob Bismarcktürme allüberall im Reich, ob Schlachtenverherrlichung oder Gefallenengedenken, Denkmale gehörten gewissermaßen zum gängigen Repertoire der Stadtmöblierung. Auch darüber, wie sie auszusehen hatten, bestand Konsens: sehr gerne pathetisch, bei entsprechender Bedeutung auch mit figürlichen Darstellungen in heroischer Pose. Paradebeispiel im Wortsinn: das Nationaldenkmal auf der Schlossfreiheit in Berlin vis-a-vis der Westfront des Schlosses, ein monumentales Reiterstandbild Wilhelms I. von Reinhold Begas, umfangen von einer prächtig geschmückten Säulengalerie, bevölkert von allerlei Wappengetier und Quadrigen. 1949 vom DDR-Regime abgetragen, erinnert heute nur noch die 2.400 Quadratmeter große Grundplatte an die opulente, imperiale Gedenkkulisse.
19_2.jpgBild: Daniel Widrig, Rom
Ausgerechnet dieser Sockel gegenüber dem künftigen Faksimile-Schloss ist nun ausersehen, ein neues Denkmal zu tragen, das nach einem Beschluss des Bundestags die Freiheits- und Einheitsbestrebungen des deutschen Volkes von 1848 bis 1989 (!) darstellen soll. Die Massendemonstration mit fast einer Million Menschen am 4. November 1989 führte an der Schlossfreiheit vorbei, im Palast der Republik gegenüber tagte die frei gewählte Volkskammer und fasste am 23. August 1990 den Beitrittsbeschluss, und im nahen Kronprinzenpalais wurde am 31. August 1990 der Einigungsvertrag unterzeichnet, so die räumlich großzügige Legitimation für diesen Ort.
"Wettbewerb für Einheitsdenkmal in Berlin gescheitert!", titelte die Presse am 28. April. Die Jury war nach einer Sichtung der 532 eingegangenen Vorschläge verzweifelt und zu dem Schluss gekommen, dass kein einziger der Entwürfe den Anforderungen des Wettbewerbs genüge. Nur eine handvoll Vorschläge hatten beim Preisgericht genügend Zustimmung für eine Überarbeitung gefunden, zu wenige, um den Wettbewerb in die zweite Phase zu schicken.
Was war geschehen? Wie können 532 Wettbewerbsteilnehmer versagen? Auf Nachfrage ließen die meisten Preisrichter kein gutes Haar an der Ausschreibung. Die Misere begann mit dem Kreis der angesprochenen Teilnehmer. Reichlich blauäugig wollte man bei diesem symbolträchtigen Thema keine Einschränkungen machen und nicht nur Künstler und Architekten, sondern alle "freischaffenden Kreativen" zulassen. Jedermann durfte sich beteiligen – und so sieht das Ergebnis denn auch aus. "Warum betreiben wir eigentlich Kunsthochschulen, wenn man auch ohne Ausbildung für fähig gehalten wird, schwierigste Gesamtkunstwerke zu schaffen?", fragte Jurymitglied Christoph Stölzl (zu spät, als das Kind schon im Brunnen lag).
Dann die Aufgabe: "...die freiheitlichen Bewegungen und die Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte in Erinnerung rufen", wie sollte das gehen? An die Varusschlacht war nicht gedacht, doch zwei Jahrhunderte Freiheitsstreben dürften es dann schon sein. Erinnern und/ oder würdigen, Kämpfe gegen Napoleon, den Kaiser oder Honecker? Und: "auf Leipzig soll Bezug genommen werden", verlangt die Ausschreibung, und als sei das nicht genug, sollen auch "Umfeld und Tradition der revolutionären Ereignisse von 1989 und deren gesamtdeutsche und europäische Dimension einbezogen werden."
19_3.jpgBild: William Schanzer, Worms
"Im Vorfeld ist nicht geklärt worden, woran erinnert werden soll", bespöttelte die Grünen-Abgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig die thematische Überfrachtung und mäkelte am Standort gleich mit herum. Auf den Alexanderplatz, den Demonstrationsort von 1989 gehöre das Denkmal. Andere plädieren für das Brandenburger Tor oder gar für Leipzig. Die überwiegende Mehrheit der Bearbeiter hatte allein die friedliche Revolution vom November 1989 thematisiert und damit eigentlich das Thema verfehlt.
Sicher grenzt es auch an die Quadratur des Kreises, wenn bei einem solchen Thema Erhabenheit, Strenge, Staatstragendes und Pathos vermieden werden sollen, wenn ein "neues Verständnis von Deutschland" zu transportieren ist, wenn das Denkmal in die Zukunft weisen soll. Womit ein Franzose oder ein Engländer oder gar ein Italiener kein Problem hätte – Pomp und architektonisches Pathos – sind hierzulande ohnehin stigmatisiert. Nicht einfacher ist es mit figürlichen Darstellungen, die man schnell als abgeschmackt oder peinlich abqualifiziert. Aber auch an einen Info-Kiosk war in der Ausschreibung wohl gedacht: "Das Denkmal ist durch einen klein dimensionierten oberirdischen Ort der Information zu ergänzen...".
19_4.jpgBild: Hans Jürgen Dietz, Frankfurt
Dass sich keine zwanzig Arbeiten zur weiteren Bearbeitung empfohlen haben, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Immerhin beteiligten sich einige namhafte Architekten, darunter Gottfried Böhm, Schultes/ Frank und Rob Krier.
Natürlich könnte man aus den Einsendungen auch ein Kuriositätenkabinett zusammenstellen, mit allerlei Zahlensymbolik, wehenden Fahnen, ewigem Licht oder schreienden Schriftzügen "Freiheit" in Hausgröße (mehrmals) bis hin zur überdimensionalen goldenen Banane als narratives Symbol der Einheit.
19_5.jpgBild: Hans Malte Meyer, Berlin
Doch viele Bearbeiter flüchteten sich in die Abstraktion, formten mehr oder weniger elegante Schleifen à la Zaha Hadid oder gekrümmte Wände frei nach Richard Serra. Foster wurde zitiert mit seinem Tankstellendach für den Reichstag, Mies van der Rohe musste herhalten, die Grande Arche in Paris, auch Eisenmans Stelenfeld wurde als Replik angeboten. Sehr beliebt sind Kugeln in mannigfaltiger Ausführung, auch als Zyklopenpuzzle, das sich zur Ideal(Einheits-)form zusammenschieben lässt. Manche rekonstruierten die historische Säulengalerie und bestückten sie mit neuem Bildwerk, viele schlugen praktische Aussichtstürme mit gewissem Nutzwert vor.
Wie geht es weiter? Der Wettbewerb soll neu ausgeschrieben werden, forderten die Preisrichter, als eingeladener Wettbewerb für rund 20 Bewerber, ausgesuchte Architekten oder Künstler mit einschlägiger Erfahrung. Denn nach wie vor soll der Grundstein für das 10-Millionen-Projekt am 9. November zum 20. Jahrestag der Wende gelegt werden.
Vielleicht wird man eine handvoll Bewerber aus der ersten Runde dazu laden. So könnte man vielleicht die kritischen Stimmen unter den aufgebrachten Teilnehmern etwas besänftigen, die nun vehement ein dem Sinn des Wettbewerbs widersprechendes elitäres Verfahren beklagen. Wolfgang Thierse und seine Jurykollegen suchen derweil nach Ausreden und Beschönigungen des teuren, aber "mutigen Experiments". Zu verantworten hat die vorhersehbare Pleite jedenfalls der Auslober, die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch den Kulturstaatsminister und organisiert durch die Bundesbehörde für Bauwesen und Raumordnung BBR.
Falk Jaeger
 
Alle Entwürfe, die seit gestern im Kronprinzenpalais in Berlin gezeigt werden, auch im Internet unter www.bbr.bund.de > Neues.