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4. internationale Architekturbiennale Rotterdam 2009
Open City: Designing Coexistence Bis 10. Januar 2010 Kurator: Kees Christiaanse, Co-Kurator: Tim Rieniets Assistenzkuratorin: Fabienne Hoelzel Mitarbeiter: Peter Blume, Elisabeth Hinz, Frederic Schwarz, Franziska Singer Sub-Kuratoren: Crimson Architectural Historians Philipp Miselwitz, Can Altay Daliana Suryawinata, Stephen Cairns Interboro Jörg Stollmann, Rainer Hehl Bart Golhoorm Alexander Sverdlov, Anna Bronovitskaya The Netherlands Architecture Institute (NAI) Info Eventprogramm während der ganzen Dauer der Biennale: Info (wird ständig aktualisiert) Es erscheint ein Katalog zur Ausstellung (15 Euro) sowie das Buch Kees Christiaanse, Tim Rieniets, Jennifer Sigler (Hg.), Open City: Designing Coexistence Begleitausstellungen Parallel Cases//IABR@RDM Bis 13. Dezember Studentische Teams aus aller Welt präsentieren ihre Arbeiten zum Thema Open City Kurator: Ralf Pasel Projektmanager: Jan Duursma Info Vrijstaat Amsterdam / The Free State of Amsterdam Bis 8. November Neun niederländische Stadtplanungsbüros Büros zeigen, wie sie sich die Zukunft Amsterdams vorstellen Kurator: Zef Hemel Sub-Kuratorin: Anouk de Wit Info (nur in Niederländisch) |
Utopien hätten, so schreibt Kees Christiaanse in seiner Einleitung des Katalogs zur 4. Architekturbiennale in Rotterdam, in der Geschichte oft die Form der Stadt benutzt, um über die ideale Gesellschaft zu reflektieren. Insofern könne man die offene Stadt als räumliche Übersetzung der offenen Gesellschaft verstehen. In der Ausstellung selbst stellt sich dies dank der engagierten Arbeit des von Christaanse eingesetzten Kuratorenteams differenzierter dar. Offene Stadt: Mubai (Bild: George Brugmans/IABR)Es gibt keinen Konsens darüber, was eine offene Stadt ausmachen könnte. Es ist vermutlich genau diese schwer zu fassende Qualität, die den Kurator der 4. Architekturbiennale, den in Rotterdam tätigen und in Zürich lehrenden Stadtplaner und Architekten Kees Christiaanse dazu bewog, dieser Biennale das Thema "OpenCity: Designing Coexistence" zu geben. Christiaanse und sein Ko-Kurator Tim Rieniets verstehen Offenheit nicht als einen Maßstab, der so starr wäre, dass man offene von nicht offenen Städten unterscheiden könnte. Was genau eine offene Stadt sein könnte, bleibt am Beginn der Ausstellung vage. Die Kuratoren vermeiden es, den Ausstellungstitel programmatisch einzugrenzen, sie nennen aber einige Kriterien. Die offene Stadt gewährt freie Mobilität, Bewohner können sich in ihr zu Hause fühlen, sie haben Zugang zu technischer und sozialer Infrastruktur. Zur Ausstellung gehört neben dem, was im Nederlands Architectuurinstitut NAi zu sehen ist, eine weitgehend ohne Erklärungen im Modell präsentierte Zusammenstellung davon, wie sich junge Stadtplaner Amsterdams Zukunft vorstellen (in Amsterdam) sowie eine überaus anregende Ausstellung von Studentenarbeiten aus der ganzen Welt im Rotterdamer Hafen. Die Hauptausstellung aber ist im NAi. Sie ist in sechs Sektionen gegliedert, jede dieser Sektionen ist von einem eigenen Kuratorenteam, den Sub-Kuratoren, betreut worden und widmet sich einem thematischen oder lokalen Schwerpunkt: Rotterdam, Jakarta, amerikanischem Siedlungsbau, den in der sowjetischen Zeit entstandenen Städten aus Plattenbauten, Flüchtlingen und Flüchtlingslagern sowie den improvisierten Spontansiedlungen und Slums, vor allem in Südamerika. Offene Stadt: São Paulo (Bilder: George Brugmans/IABR)Die Offenheit hat Grenzen Ohne einen Anspruch von Vollständigkeit erfüllen zu können, zeigen sie, dass "Stadt" selbst zu einem offenen Begriff geworden ist; zu stark unterscheidet sich das, was in verschiedenen Ländern darunter verstanden wird, zu unterschiedlich sind die Bedingungen, unter denen die Menschen in ihnen wohnen. Will man konkret werden, das zeigt die Biennale, muss man sich auf Gemeinschaften – seien es ethnische, nationale, religiöse oder ökonomische – innerhalb des Gesamtorganismus einlassen, muss danach fragen, wie sie funktionieren, wie sie sich im Raum als Gruppe artikulieren, wie Angehörige verschiedener Gemeinschaften miteinander in Kontakt treten oder sich voneinander abgrenzen. Eine Überfülle von Texten und Informationen, nicht immer leicht lesbar, nicht immer einem verständlichen Argumentationsstrang folgend aufgebaut, führt den Besucher an die Grenze dessen, was er innerhalb eines Ausstellungsbesuchs rezipieren kann. Verstärkt wird dies noch durch die Art der Präsentation, die den Eindruck des Improvisierten kultiviert. Man kann dies als die übersetzte Absage an fertige Konzepte verstehen, die an der Komplexität der Stadt scheitern müssen. Ein wenig mehr Hilfe hätte man dem Besucher trotzdem gönnen dürfen. Hat man diese Anstrengung allerdings auf sich genommen, dann kann man die Erkenntnis gewinnen, dass die Stadt prinzipiell offen ist, lediglich die Art, wie man in einer Stadt mit diesem Umstand umgeht und wie Offenheit sich äußert, variiert; dadurch gerät sie zu einem prinzipiellen Leitfaden, mit dessen Hilfe das Spezifische von Städten erkennbar wird. Aber auch, wie man diese Offenheit einschränkt, weil sie zur Überforderung werden könnte, unterscheidet Städte voneinander, auch das wird in der Ausstellung thematisiert. Denn die Offenheit gegenüber vielen Neuankömmlingen, die Infragestellung der eigenen Identität im Kontakt mit dem Fremden muss man sich auch erst einmal leisten können, leisten wollen. Die offene Stadt muss Grenzen haben, sonst ist sie bedroht. Offene Stadt Carracas, offene Stadt Istanbul (Bilder: George Brugmans/IABR)Skepsis gegenüber großen Plänen Wenn Architektur in der Ausstellung als Einzelobjekt auftritt und nicht nur als Teil einer städtischen Struktur, dann ist sie doch stets auf diese Struktur bezogen und ihrer Qualität innerhalb des städtischen und gesellschaftlichen Kontexts wegen hervorgehoben. Dieser Kontext ist, das zeichnet diese Ausstellung aus, weit mehr als der morphologische, es ist der von sozialen, ökonomischen und politischen Bezugssystemen, innerhalb derer sich bestimmt, was in der Stadt möglich wird; so werden Häuser in Jakarta vorgestellt, in denen Dienstboten menschenwürdige räumliche Bedingungen vorfinden, anders, als dies sonst in dieser Stadt üblich ist. Auch eine ganze Reihe von Entwürfen wird gezeigt; ob diese Entwürfe in der Realität das leisten würden, was sie als Entwurf versprechen, müssten sie aber erst noch nachweisen. Die Ausstellung selbst legt einem nahe, ihnen nicht ohne weiteres zu trauen. Denn diese Ausstellung ist ein vehementes Bekenntnis zur Einsicht, dass Stadtplaner nicht die Macht haben, die Stadt so zu prägen und zu bauen, dass sie einer idealen Gesellschaft ideale Bedingungen bieten könnte. Was sie prägt, das wird eindrucksvoll gezeigt, wird nicht auf der lokalen Ebene bestimmt, die Stadt ist Produkt und Opfer weltweiter Zusammenhänge, mehr als je zuvor. Man müsse die Mythologie vom Architekten als Visionär zerstören, ist an einer Stelle zu lesen. In dieser Skepsis gegenüber dem großen Plan drückt sich die Grundhaltung der Kuratoren aus. Diese Skepsis ist sympathisch. Zu ihr gehört auch, dass der Begriff der Offenheit nicht eindeutig einem bei uns positiv konnotierten System zugeordnet sein muss. Die in der Sowjetunion entstandenen Städte, zu achtzig Prozent aus vorfabrizierten Elementen errichtet und sich daher überall gleichend, seien, so erfährt man, zur Zeit des Sozialismus in mancher Hinsicht offener gewesen, leichter und für mehr Personen unterschiedlicher Schichten zugänglich, als sie es nun unter kapitalistischen Bedingungen sind. "Offen" ist nicht nur relativ, weil zur Offenheit der Stadt ihre Geschlossenheit gehört; es ist auch relativ, weil es kulturell erhebliche Unterschiede darin gibt, wie man Offenheit versteht. Es bleibt in der Ausstellung nicht aus, dass der Blick von Europa auf die Städte in andern Erdteilen von romantischer Verklärung getrübt wird; etwa, wenn die Vorteile der Favelas in São Paulo betont werden. Doch deutlich wird in den Sektionen allemal, dass die offene Stadt ambivalent ist, nie vollständig einzulösende Ansprüche stellt, denen wenigstens teilweise gerecht zu werden stets eine Herausforderung darstellen. Offene Stadt Rotterdam, offene Stadt Delhi (Bilder: George Brugmans/IABR)Am Ende fehlte ein wenig der Mut
Um all diese Erkenntnisse gereift, kehrt man in das Forum, den großen Eingangsraum des NAi zurück. Nun scheint einem so manches fragwürdig, was man zu Beginn der Ausstellung hier das erste Mal sah. Das Potpourri aus Gedanken zum Thema der offenen Stadt ist wenig zusammenhängend, und das schadet auch den guten Arbeiten dieses Ausstellungsteils. Gerne hätte man nun das, was man sich erarbeitet hat, bestätigt, zusammengefasst, kommentiert, vielleicht ja auch widerlegt, jedenfalls in irgendeiner Form konzentriert und zusammengebunden gefunden. Statt dessen trifft man auf die Naivität, die abzulegen einem doch scheinbar gerade nahe gelegt wurde. Nun soll man also doch Zugänglichkeit für verschiedene Nutzergruppen, menschlicher Maßstab, das Recht, sich in der Stadt frei bewegen zu dürfen und Nutzungsmischung mit der offenen Stadt identifizieren, nun werden doch die an europäischen Idealen gewonnene Kriterien verallgemeinert, deren generelle Übertragbarkeit und Brauchbarkeit angezweifelt werden muss. Damit schaden sich die Kuratoren, sie nehmen hier eine Haltung ein, die sie in der übrigen Ausstellung versuchten zu vermeiden: dass man bei uns die gute Stadt finden könne, dass unsere gutmenschelnden Vorstellungen für den Rest der Welt auch gut und hilfreich sind. Es erschwert die Auseinandersetzung um die europäische Stadt, wenn die Gefahren für die offene Stadt anderenorts geschildert, die auf unserem Kontinent aber allenfalls mit der Lupe zu finden sind, dass von der Gewalt von rechts, von Flüchtlingslagern neben Truppenübungsplätzen, von den Benachteiligungen qua Wohnort geschwiegen wird, wo doch hier der Ort gewesen wäre, die Sektionen inhaltlich zusammenzuführen, anstatt beispielsweise dem Palast der Republik nachzutrauern. Eine folkloristische Speisetafel wird inszeniert, ein schlechtes Kunstwerk stellt eine riesige Weltkugel als Stadt dar, so etwas wie ein Arbeitstisch wird mit Projekten von Christiaanse dekoriert. Wie soll man das verstehen? Christaanse, ein Meister der offenen Stadt? Das hätte nun wirklich nicht sein müssen. ch |
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