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Irgendwas ist immer
 
Mit schönen Bildern stellte Engelbert Lütke Daldrup, der scheidende Staatssekretär im Bauministerium, in seiner Abschiedsvorstellung den aktuellen Stand bei der Planung des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses vor. Doch die Bilder lügen.
46_1.jpgDie Agora im westlichen Hof, als Auditorium genutzt (Copyright: BBR/ Stella)
Mit schönen Bildern präsentierte Engelbert Lütke Daldrup, der scheidende Staatssekretär im Bauministerium, in seiner Abschiedsvorstellung den aktuellen Stand bei der Planung des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses vor. Doch die Bilder lügen. Hätte man Forum und Agora ohne die historischen Innenfassaden der Tore gezeigt, der öde Schematismus der Architektur Franco Stellas wäre jedermann sofort ins Auge gesprungen. Aber die barocken Innenseiten werden nicht kommen, denn sie stehen nicht im Baubeschluss des Bundestags. "Und wer mehr möchte, muss mehr spenden", so Staatssekretär Lütke Daldrup trotzig. Man lockt also immer noch mit Trugbildern. Und mit trügerischen Zahlen. Der Bundestagsbeschluss kam auf der Grundlage einer äußerst vagen und vorläufigen Kostenschätzung von 480 Millionen Euro zustande (die 80 Millionen für die historische Fassade aus "verbindlich zu erbringendem Spendenaufkommen" nicht inbegriffen). Nun wurden die überarbeiteten Pläne erstmals detailliert durchgerechnet, und siehe da, man kam auf 481 Millionen. So etwas nennt man Punktlandung! Oder Augenwischerei. Denn wenn es sein muss, kann man ein Schloss für dieses Geld durchaus bauen. Mit PVC-Böden und Plastefenstern, mit Türbeschlägen aus dem Obi-Katalog und Betontreppen.
Nach offizieller Sachlage könnte man also mit den Bauarbeiten beginnen. Gäbe es da nicht gewisse Risiken. So müssen die bei Ausgrabungen für alle Beteiligten offenbar völlig unerwartet aufgetauchten Originalbefunde des Schlosses überbrückt werden – kein billiges Unterfangen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und selbst Archäologe, beteuerte, dass die Kellerreste zugänglich gemacht werden. Ob sich die reichlich unansehnlichen Mauerreste im Kellergeschoss so attraktiv inszenieren lassen, dass ein größeres Publikum daran Interesse findet, darf bezweifelt werden. Zunächst ist der Stella-Entwurf kräftig umgemodelt worden. Von Stella selbst, versichern Beteiligte, nicht von den Ko-Entwerfern Hilmer und Sattler. Was bleibt von Stellas viel besungenem Wettbewerbsentwurf?
46_2.jpgDas Erdgeschoss (Copyright: BBR/ Stella)
Letztlich nur die Idee des Forums, der zum schmalen Lichthof zwischen Nord- und Südportal schrumpfte, und der Belvedere genannte Ostbau. Dieser ist, in seiner Tiefe erheblich reduziert, zu einer Art Laubengangfassade gestutzt worden, mit reichlich nutzlosen, 25 Meter langen Balkongängen vor Museum und Bibliothek. Nicht einmal im Erdgeschoss vor dem Restaurant ist er zu gebrauchen, da man in dem schmalen Gang keine Tische aufstellen kann. Dieser (teure) Unsinn ist nur noch nicht verworfen worden, weil man partout an der Idee Stellas festhalten will und weil man ihn sonst eine Fensterfassade entwerfen lassen müsste, deren Aussehen sich jeder unschwer ausmalen kann.
Stellas kantiger Rationalismus prägt ja schon die Agora, eine Pfeilerhalle mit schwer lastender Kassettendecke, die natürlich ohne ihre Hauptattraktion, die historisch kopierte Westportalfassade wird auskommen müssen.
Denn für die gibt es kein Geld. Wenn jemals die erhofften 80 Millionen an Spenden zusammenkommen (der Förderverein hat in 16 Jahren 18 Millionen gesammelt und bis auf 2,5 Millionen Barmittel wieder ausgegeben), müsste man für die Innenportale nochmals 30 Millionen auftreiben.
Was die innere Aufteilung der Schlossräume betrifft, so haben sich die Erwartungen (und Befürchtungen) aller Fachleute bestätigt. Von attraktiven, für die Sammlungen außereuropäischer Kunst spezifisch entworfenen Räumen und Situationen keine Spur. Als gelte es, ein vorhandenes historisches Schloss zu füllen, hat man den Plan mit den aufgereihten Sälen genommen und die künftige Nutzung hineingeschrieben. Besonders abgelegene Räume werden als "Sonderausstellung" deklariert. An moderne Museumsneubauten werden andere Ansprüche gestellt und mit dem Pariser Museum für außereuropäische Kunst Musée du Quai Branly zum Beispiel wird man trotz Sammlung von Weltrang nicht konkurrieren können.
Aber auch wo man barocke Raumkunst hätte zelebrieren können, ist dies nicht geschehen. Die viergeschossige Pfeilerhalle der Agora ist nicht mit einem repräsentativen Treppenhaus von angemessener Dimension verknüpft und nicht im Aufstieg erlebbar, weil die Treppen unspektakulär in den Hintergrund gerückt wurden.
46_3.jpgErstes Obergeschoss mit den Bibliotheksräumen (Copyright: BBR/ Stella)
Wenig überzeugend auch die Unterbringung der Dependance der Berliner Landesbibliothek. Ohne eigene Eingangssituation, mehr zufällig im ersten Obergeschoss platziert, ist die Bücherei in vier Flügeln rings um den Schlüterhof organisiert. Endlose Wege mit störendem Verkehr sind vorprogrammiert. Ein moderner Bibliotheksneubau funktioniert anders.
Während man üblicherweise das Bestreben hat, kostenintensiv verstreute Standorte einer Institution zusammenzufassen, leistet sich Berlin eine neue Teilbibliothek. Sie soll durch eine (gewiss nicht billige) unterirdische Transportanlage mit der 250 Meter entfernten Zentrale verbunden werden. Der Grund für diesen Unsinn: Berlin soll sich mit 36 Millionen am Schloss beteiligen, und eine andere städtische Nutzung war nicht opportun oder finanzierbar.
Unterdes verkündete der Staatssekretär, dass sich die Fertigstellung des Schlosses wohl bis 2016 verzögern werde. Es gebe nicht genügend Steinbruchkapazitäten für einen raschen Bau der historischen Fassaden. Wahrscheinlich aber fehlen die Steinmetze, denn die werden alle am Potsdamer Schloss zu tun haben. Könne man in Ruhe planen und bauen, könne man Kosten sparen. Es wäre aber auch weltweit das erste Mal, dass ein Bau, der sich um Jahre hinzieht, billiger würde. Prof. Lütke Daldrup ist wohl kein Mann der Praxis.
46_4.jpgDie Westseite der Agora mit realistischer Kassettendeckendarstellung (Copyright: BBR/ Stella)
Ein Journalist (kein Praktiker) fragte, ob denn die jährlichen Steigerungen des Kostenindex berücksichtig worden wären. Das sei im öffentlichen Rechnungswesen nicht möglich und niemand könne wissen, wie sich die Baupreise entwickeln, erklärte der Staatssekretär den verblüfften Journalisten treuherzig. Bleibt der Bundestag also bei seinem Beschluss ("verbindlich festgelegte Kostenobergrenze" und "Planungs- und Baurisiken sind innerhalb des zur Verfügung stehenden Budgets durch Einsparungen aufzufangen"), wird man an allen Ecken und Ende sparen müssen. Zum Glück gibt es ja inzwischen Knauf-Gipskartonplatten für Außenwände und Eternitdachplatten im Kupfer-Look...      
46_5.jpgDie "Sparversion" der Kuppel in der Nordost-Perspektive (Copyright: BBR/ Stella)
Aber wären dann wenigstens jene Schlossfreunde am Ziel, die nur das eine Interesse verfolgen, die berühmte Ansicht des Schlosses als Zielpunkt der Linden wieder zu gewinnen? Mitnichten, und das ist eines der größeren Ärgernisse dieser an Merkwürdigkeiten nicht armen Geschichte. Für die historische Kuppel stehen keine Mittel zur Verfügung. "Wer mehr haben will, muss spenden", heißt es auch in diesem Fall. 14 Millionen Mehrkosten werden genannt. In den bisherigen Plänen ist nur ein leeres Gerippe eingezeichnet, eine Art Reifrock ohne Stoff, das, weil nicht im Bundestagsbeschluss erwähnt, aus Kostengründen stark gefährdet ist. Doch was ist das Schloss ohne Kuppel? Ein Affront gegen alle bisherigen Spender.
Doch vielleicht sind all diese Erörterungen bald obsolet, denn am 2. Dezember wird das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf erwartet, das die Rechmäßigkeit der Auftragsvergabe an Stella prüft. Das Ministerium demonstriert Zuversicht. Einen Plan B hat man nicht erwogen.

Falk Jaeger