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"Architektur muss sprechen"
 
Der südafrikanische Architekt Jo Noero (Noero Wolff Architects) hat sich inmitten der Wirtschaftskrise der 1980er-Jahre und der Wirren der Anti-Apartheidsbewegung selbstständig gemacht. Durch die Bekanntschaft mit Bischof Desmond Tutu entdeckte Noero, wie Architektur sich vom Werkzeug der Unterdrückung zum Fundament eines besseren Lebens wandeln lässt. Für seine "egalitär-modernistischen" Bauten wurde das Büro mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Jo Noero, Sie sind soeben von einer zweiwöchigen Studienreise in Rom zurückgekehrt, wo Sie barocke Kirchen besichtigt haben. Wie lautet das Fazit Ihrer Reise?

Das Werk von Francesco Borromini, Guarino Guarini und anderen Architekten des Barock übertrifft meiner Ansicht nach in jeglicher Hinsicht das, was heute produziert wird. Die Lehre ist wohl, dass wir uns nicht auf dem Weg ins Nirvana befinden.
48_1.jpgDaycare Centre, Delft, Cape Town (2002)
Sie sind in Durban und Johannesburg aufgewachsen und haben sich 1985 als Architekt in Johannesburg selbstständig gemacht. Welche Änderungen hat Südafrika in dieser Zeit durchgemacht und auf welche Weise wurden Sie dadurch geprägt? 

Während meines Architekturstudiums wurde ich in die Studentenpolitik involviert. Von diesem Zeitpunkt an widmete ich einen Großteil meines Lebens, Südafrika zu einem besseren Platz für jeden Menschen zu machen. Die 1980er-Jahre waren eine sehr intensive Zeit, in denen Südafrika viele Änderungen durchmachte. Die 1990er schließlich waren eine Periode der Transformation, als Südafrika endlich frei war. 1994 bekamen wir unsere erste demokratisch gewählte Regierung. Seither ist es viel besser geworden.

Was meinen Sie mit "es"?

Nun, wir leben jetzt in einer nicht-rassistischen Demokratie. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ist Südafrika ein freies Land, wo Menschen nicht aufgrund der Farbe ihrer Haut diskriminiert werden.

Viele nicht-westliche Länder stehen der Demokratie, wie sie im Westen praktiziert wird, skeptisch gegenüber: Das Volk vertraut der Regierung nicht, nimmt sein Stimmrecht nicht wahr und am Ende hat das Geld das Sagen. Davon abgeleitet lautet eine Prognose, dass China das Vorbild für viele Schwellenländer werden wird. Wie würden Sie die in Südafrika gelebte Demokratie beschreiben?

Vorweg eine Klarstellung: Als Land sind wir sehr stolz. Wir betrachten uns nicht gerne als Nachahmer von Modellen anderer. Wir sind der Ansicht, dass wir unser eigenes Modell entwickelt haben. Und ich glaube, dass wir in Südafrika heute wahrscheinlich die weltweit fortschrittlichste Verfassung haben: Diversität und Unterschiedlichkeit sind in jeglicher Hinsicht anerkannt und rechtlich verankert. Unser Modell würde ich als System-Mix bezeichnen, von einerseits freiem Unternehmertum und andererseits beträchtlichen staatlichen Interventionen dort, wo Menschen Unterstützung brauchen, wie im Wohnungswesen oder der Bildung. Wissen Sie, im Jahre 2000 prognostizierte die Zeitschrift Economist, dass in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts drei Länder zum Wachstumsmotor ihres jeweiligen Kontinentes werden würden. Diese Länder waren: Brasilien, Südafrika und Indien. Ich denke, das ist richtig.
48_2.jpgRed Location Museum, New Brighton, Port Elizabeth (2005)
Winston Churchill sagte einst: "Wir formen unsere Bauten und danach formen sie uns." Wo sehen Sie die Rolle von Architektur und von Architekten in der Politik, namentlich in der Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens?

Ich bin nicht mit Churchill einverstanden. Ich denke nicht, dass Architektur Leute verändert. Wenn überhaupt, dann sind es die Leute, welche die Architektur verändern. Ich meine, dass wir dazu neigen, die Macht von Architektur im Kontext des Alltagslebens überzubewerten. Das bedeutet nicht, dass Architektur nicht sehr wichtig ist. Im Gegenteil: Sie muss grundlegende gesellschaftliche und kulturelle Bedürfnisse erfüllen. Diese Aufgabe ist eine soziale Aufgabe mit einer starken ethischen Komponente. Wenn Architektur dieser Aufgabe nicht gerecht wird, hat sie als Architektur versagt. Entsprechend viel Mühe bereitet mir die zeitgenössische Architektur, in meinen Augen nichts weiter als ein reines Formenspiel, ohne wirkliche Erwägung ihres Nutzens für die Gesellschaft.

Machen Sie die Architekten für den Zustand der zeitgenössischen Architektur verantwortlich oder denken Sie, dass die Gesellschaft und Wirtschaft die Entwicklung ebenso genährt haben?


Ersteres trifft zu. Denn die Architekten sind frei, einen Auftrag anzunehmen oder nicht. Es ist, als ob man sagen würde, die Architekten, die unter der Apartheid-Regierung gearbeitet haben, hätten nur ihren Job getan. Dies entspricht nicht meiner Ansicht. Ich bin der Meinung, dass Architekten eine ethische Verantwortung haben, keinen Auftrag anzunehmen, von dem sie wissen, dass er der Gesellschaft schaden könnte. Ich gebe zu, dass dies nicht immer einfach ist.

Südafrikanische Städte befinden sich in einem Zustand stetiger und schneller Veränderung. Wie würden Sie die Situation beschreiben und wie reagieren Sie darauf?


Das ist eine schwierige Frage. Denn die Lage in südafrikanischen Städten ist sehr vertrackt. Dies liegt vor allem daran, dass die Grundlage der Städte unter der Apartheidpolitik geformt wurde. Obwohl wir heute eine demokratische Regierung haben, sind unsere Städte noch immer segregierte Städte. Die Mehrzahl der schwarzen Bevölkerung lebt noch heute, wo schwarze Leute vor 1994 gewohnt haben, und die Armen leben an den Rändern der Städte, weit weg von Arbeitsmöglichkeiten. Unsere Städte sind also noch immer sehr dysfunktional und die Mehrheit der armen Bevölkerung wird dadurch noch immer ernsthaft benachteiligt.

Inwiefern ist Ihre Architektur spezifisch südafrikanisch und inwiefern universell?

Ich denke, dass unsere Arbeit südafrikanisch ist. Sie wird durch den lokalen Kontext geformt: die Landschaft, das Klima, die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Leute. Sie gehört hierhin. Ob ihr dies wirklich gelingt, müssen Kritiker beurteilen.

Mit meiner Frage nach dem universellen Aspekt der Architektur dachte ich an Louis Kahns Ansatz, dessen Architektur stark auf den Kontext eingeht, aber gleichzeitig nach Universalität und Zeitlosigkeit strebt...

Ja. Kahn sagte, dass es Merkmale gibt, die große Architektur auszeichnen, etwa Raum, Licht, Form und Farbe, und die von allen Menschen durch alle Zeiten geschätzt und genossen werden können. Meiner Ansicht nach trifft dies auf ein gutes architektonisches Werk zu. Was Kahn – dessen Werk mir übrigens sehr nahe liegt – nie tun wollte, war einen Bau zu schaffen, der überall auf der Welt stehen könnte. Wenn mit universell diese Art von Architektur gemeint ist, kann das Werk von Mies van der Rohe als Exempel dienen: Es war tatsächlich universell, in der Hinsicht, dass es nirgendwohin gehört.
48_3.jpgSoweto Careers Centre, Diepkloof, Soweto (1990)
In Ihrer Architektur scheint Symbolismus eine wichtige Rolle zu spielen…

Ja, ich denke, dass Architektur sprechen muss, in einer kräftigen Stimme zu einer breiten Öffentlichkeit. Daher war ich immer bestrebt, eine Architektur zu entwickeln, die den Leuten gut verständlich ist. In einer Rezension umschrieb eine südafrikanische Autorin unsere Arbeit als "egalitären Modernismus". Diese Formulierung trifft exakt unser Anliegen: Architektur kann opak sein oder vielschichtig. Für mein Empfinden ist ein Großteil der zeitgenössischen Architektur abstrakt bis zu dem Ausmaß, wo sie unzugänglich wird und alle Bedeutung verliert. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Vor Kurzem haben wir ein Museum in Port Elizabeth fertiggestellt, das Red Location Museum. Als Dach haben wir ein Scheddach gewählt, wie dasjenige der Fabriken der Umgebung. Der Grund für unseren Entscheid liegt darin, dass die Gewerkschaftsbewegung in Port Elizabeth eine sehr wichtige Rolle bei der Veränderung der politischen Situation unseres Landes gespielt hat. Und in einer Fabrik wurde der Kampf für die Freiheit gewonnen. Also dachten wir, dass ein Gebäude mit einem fabrikähnlichen Dach als Ort der Tugend wahrgenommen und eine beruhigende Ausstrahlung auf die Leute haben würde. Tatsächlich ist dies auch eingetroffen.

Für das Gespräch danke ich Ihnen. Möchten Sie Ihren Aussagen noch etwas anfügen?

Ja. Ich will einen Aufruf an meine Kollegen richten: Weshalb unterscheiden wir Gebäude, die das Leben von gewöhnlichen Leuten reflektieren, von Bauten, die innerhalb der zeitgenössischen Profit orientierten und Medien besessenen Mechanismen agieren? Weshalb machen wir einen Unterschied zwischen Werken im Interesse der Leute und solchen, die nach der großen Form streben? Weshalb können wir nicht eine Position einnehmen, bei der es die Aufgabe des Architekten ist, eine Architektur zu schaffen, welche den Mann auf der Straße befriedigt und gleichzeitig künstlerisch kraftvoll ist. Ich plädiere für das Recht von Architektur, Teil des öffentlichen Lebens zu sein! Denn eine Welt, in welcher der rhetorischen und inspirativen Kraft von Architektur nicht Ausdruck gegeben wird, ist meiner Ansicht nach eine traurige Welt.
 
Sonja Lüthi