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Literaturhinweise
Fritz Baumgart: Ägyptische und klassizistische Baukunst. In: Klaus Jan Philipp (Hg.): Revolutionsarchitektur. Klassische Beiträge zu einer unklassischen Architektur. Braunschweig 1990 (vergriffen) Kenneth Frampton: Grundlagen der Architektur. Studien zur Kultur des Tektonischen. München/ Stuttgart 1993 (vergriffen) Erwin Panofsky: Was ist Barock? Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Michael Glasmeier und Johannes Zahlten. Berlin/ Hamburg 2005 Jan Turnovský: Die Poetik eines Mauervorsprungs. 2., um ein Nachwort erweiterte Auflage. Braunschweig/ Wiesbaden 1999 (vergriffen) |
Der fleißige Architekturjournalist ist stets auf der Suche nach Neuem, neuen Enwicklungen oder zur Not auch wiederentdecktem Alten. So hat er in letzter Zeit vermehrt Häuser und Entwürfe gesichtet, die sich auf eine Abbildung der Konstruktionslogik konzentrieren. Was leidgeprüfte Berliner auf eine Lockerung Stimmannscher Lochfassadendogmen hoffen lassen mag, ist anderswo vielleicht sogar als Hinwendung zum Konservativen interpretierbar. Es mag sein, dass die Gitterkiste angesichts der historisierenden oder blobbernden Alternativen nicht die schlechteste Option ist, aber ob sie uns weiterhilft? Eine kleine Polemik. Die hier zu sehende Auswahl ist mehr oder minder zufällig. (Bilder: Max Dudler Architekt; Muck Petzet Architekten; JSWD Architekten; Kleihues und Kleihues)Die Welt ist ein Jammertal, und das ist sie leider auch geblieben, seit sich die Menschen von der Religion befreit haben. Versprechungen auf eine glorreiche Zukunft in dieser Welt haben sich als nicht einlösbar erwiesen, und wenn es schlecht lief, endeten sie in einer Gegenwart voller Terror und Gewalt. Dass die Welt ein Jammertal ist, gilt auch für Architekten. Sie führen kein besonders fröhliches Leben, das weiß jeder, der regelmäßig mit ihnen zusammenkommt. Sie werden mit Forderungen konfrontiert, die sie nicht erfüllen können. Sie sollen "zukunftsfähig" bauen und dürfen doch keine Missionare sein. Man kann es durchaus verstehen, dass Architekten es leid sind, einerseits die Ärmlichkeit der Moderne vorgehalten zu bekommen und gleichzeitig dazu verpflichtet zu werden, sparsam sein zu müssen. Und haben dann auch noch mit den Ansprüchen zu kämpfen, die sie aneinander stellen. So glauben Architekten daran, dass Architektur mehr ist als Zweckerfüllung, genauer gesagt, dass der Zweck der Architektur über das materielle Nützlichkeitsprinzip hinausgreift. Der Zweck ist "stets auf ein geistiges Prinzip, eine Idee, gerichtet und erfährt durch eine besondere Weihe", wie es Fritz Baumgart 1953 beschrieb, und zwar in Bezug auf Schinkel, an dem sich ja auch seit 1953 der ein oder andere orientiert hat. Und dann wird ein Schloss wiederaufgebaut, das eine absolutistische Herrschaftsform repräsentiert. Nein, nicht nur eines. Es ist zum Verzweifeln. Der Architekt rächt sich dafür an den Politikern und am gemeinen Publikum, indem er die alten Fassaden, die neu gebaut werden, durch besonders reduzierte, vulgo ärmliche ergänzt. Das haben sie jetzt davon. Zeitlose Rationalität statt historisierender Gemütlichkeit. (Bild: Torsten Seidel, Berlin; BBR/ Francesco Stella, Vicenza)Auf der Suche nach der verlorenen Architektur Weil man nicht mehr daran glauben darf, dass die Zukunft besser als die Gegenwart wird, schaut man lieber gleich nach hinten. Die Gesellschaft ist verunsichert, und die Architekten dürfen es auch sein, ohne sich schämen zu müssen. Sie suchen nach Orientierung und immer wenn sie nach Orientierung suchen, schauen sie entweder auch in die Vergangenheit, oder sie orientieren sich an dem, was sie unter Natur verstehen und von dem sie meinen, dass es sich deswegen weiterem Hinterfragen entzieht. Doch die Natur hat ihre Unschuld verloren, sie wird manipuliert, ist verdreckt und vergiftet – unverdorbene Natur, das war einmal. Wer also nicht mehr schlecht als recht biomorphistisch bauen will, wer nicht je nach Wunsch palladianische oder klassizistische Villen für Neu- oder Altreiche errichten will, der muss fragen, ob es vielleicht auch in der Architektur etwas gibt, was man nicht hinterfragen muss. Was nicht Mode oder Vorhang ist, etwas, das man kultivieren kann, ohne Gefahr zu laufen, als Zirkusdribbler oder Aufmerksamkeitsjunkie diskreditiert zu werden: das Zeitlose in der Architektur. Das gab es zwar auch in der Vergangenheit schon, war da aber auch schon zeitlos. Man besinnt sich darauf, dass man nicht jeden Montagmorgen eine neue Architektur erfinden muss, darauf, dass sich ein Architekturvokabular sehr schnell abnützen kann und "dass das Formenrepertoire der Architektur insgesamt nicht besonders umfangreich ist" (Jan Turnovský). Eine Fassade, die eine innere Struktur abbildet, ist immer mehr als eine Fassade. Und zeitlos. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt, 1999, Weinmiller Architekten. (Bild: Christian Holl)Und was liegt da näher, als die Konstruktion zu bemühen, die Architektur zu entkleiden um sie als Struktur, in ihrem Wesentlichen zu zeigen, sichtbar zu machen wie sie gefügt ist. Dann muss man zwar damit kämpfen, wie man Stützenreihen um die Ecken bringt und Ordnungen der Umgebung aufnimmt, ohne dass Unordnung entsteht. Aber man wird belohnt mit einer Architektur, die "eine gewisse Würde" ausstrahlt, wie sich ein Architekt ausdrückte, den wir hier nicht beim Namen nennen, weil seine Äußerung aus vielen Mündern hätte kommen können. Man wird belohnt mit einer Fassade, die für viele Nutzungen geeignet ist, mit einer, die mehr als Fassade ist, weil sie eine innere Struktur abbildet. Man darf sich auf die Kultur des Tektonischen und auf Kenneth Frampton berufen und darauf, dass (so hofft der Architekt) die Architektur länger steht als der Architekt lebt und sich deswegen nicht an Modischem zu orientieren habe. Das ist in Zeiten allgemeiner Verunsicherung sehr überzeugend und so kommt es, dass wir in letzter Zeit namentlich bei Wettbewerbssiegern mit Entwürfen konfrontiert sind, in denen ein Gerüst aus Beton, mal unverkleidet, mal verkleidet mit Naturstein oder Metall, die Geschossordnung abbildet, in denen geschosshohe, vertikale Elemente die Fassade gliedern, und dabei von der konstruktiven Struktur abgeleitet oder auf sie abgestimmt sind. Oder auch darüber Aufschluss geben, welche Nutzung sich hinter ihnen verbirgt, vorausgesetzt, man weiß um den Abstraktionscode, der der Fassadengliederung zugrunde liegt. Diese Hinwendung zur Abbildung des Tektonischen ist nicht neu, aber das liegt in der Sache begründet und ficht sie daher auch nicht an. Es beherrschen diese Methode auch nicht alle so gut wie beispielsweise die Büros Dudler und Chipperfield. Die Ergebnisse sind mal raffiniert und geistreich, mal platt, mal ernst erhaben, mal knochentrocken, mal auch, vor allem bei kleineren Gebäuden, an der Grenze zum Lächerlichen. Immer aber geht es darum, nicht modisch zu sein, sich dem Kontext einzufügen oder sich auf die ureigenen Elemente der Architektur selbst zu beziehen. Nachhaltig darf man es je nach Kommunikationsstrategie dann auch nennen. Was allerdings meistens fehlt, ist der Humor. Und damit ist kein ohrenwackelndes Gekaspere gemeint, sondern ein Humor, wie ihn Erwin Panofsky für den Barock beschrieben hat und der vielleicht gerade in unserer Zeit hilfreich sein könnte, gelassener und weniger verkrampft an die anstehenden Herausforderungen anstatt aufeinander los zu gehen: Der Barock sei "die einzige Phase der Renaissancekultur, in der diese Kultur ihre inneren Widersprüche überwand, nicht indem sie sie einfach ausglättete, sondern in dem sie sie bewusst erfasste und in eine subjektive emotionale Energie umwandelte, mit all den Konsequenzen dieser Subjektivierung. (...) Der Humorist hat, dank jenes Bewusstseins, das ihn auf Distanz zur Wirklichkeit wie auch zu sich selbst hält, die Fähigkeit zu beidem: die objektiven Unzulänglichkeiten des Lebens und der menschlichen Natur wahrzunehmen, – das heißt die Widersprüche zwischen Wirklichkeit und ethischen oder ästhetischen Ansprüchen – sowie diesen Widerspruch subjektiv dadurch zu überwinden, (...) dass er ihn als Ergebnis einer universellen, ja sogar metaphysischen Unvollkommenheit versteht, die vom Schöpfer der Welt gewollt ist." Gut gelöst. Die Erweiterung Hochschulcampus Tuttlingen, Günter Hermann Architekten, 2009. (Bild: Zooey Braun)Oder doch nur Pragmatismus?
Es gibt natürlich auch eine andere Deutung der Attraktivität jener Gitterkisten, eine jenseits eines tiefschürfenden Suchens nach Selbstvergewisserung in Zeiten schwerwiegender Zweifel. Das ist der des geschäftlichen Pragmatismus, denn in solchen Fassaden kann man auch einen Kompromiss zwischen dem konservativen Anspruch an städtischer, steinerner und wertständiger Architektur, und einer Historisierung à la Stimmann sehen. Ein Kompromiss, der sich auch gerne als distinguierte Zurückhaltung kaschieren lässt. Deswegen macht es misstrauisch, wenn diese Architektur in Büros entsteht, wo man es nicht erwartet hätte. Da vermutet man dann doch Geschäftssinn oder Überlebenswillen, je nach dem, wie dramatisch man es gerne hätte. Das ist nun eigentlich nichts, was man den Architekten vorwerfen könnte, denn erstens ist das immer noch ein anständiger Weg, sich Bauaufträge zu verschaffen, und zweitens kommt es immer noch drauf an, wie man die Aufgabe dann tatsächlich löst, denn auch darin kann man ja immer noch scheitern. Will man aber das grundsätzliche Phänomen unter dieser pragmatischen Sichtweise beurteilen, dann steht man als Architekturschreiber mit fast leeren Händen da. Außer dass man Feigheit vor dem Beziehen einer Position diagnostizieren, Anbiederung anklagen oder das Fehlen des Bauherren, der überhaupt noch Position beziehen könnte, bejammern könnte, bleibt nicht viel, was man zu sagen hätte. Und ein bisschen hat ja auch der Schreiberling seinen Berufsstolz. Auch der soll ja hin und wieder in bester Hermeneutikertradition den Architekten sagen dürfen, was sie sich gedacht haben, ohne es zu wissen. So wie die Architekten den Menschen gerne eine Welt in Ordnung bringen, von der sie noch nicht wussten, dass sie in Unordnung war. Wir sitzen eben doch alle im selben Boot. ch |
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