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It is what it is – Vom Ende des Entwerfens wie wir es kannten
 
Wie und was sollen Architekten entwerfen? Mit der Umstellung der jahrzehntelang bewährten Architekturausbildung auf Bachelor und Master – anders gesagt: vom akademischen auf ein Schmalspurstudium – schrumpft an vielen Hochschulen die notwendige Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Architektur: Warum überhaupt entwerfen und wie? Das jüngste Werk von Herzog & de Meuron – ein Schauhaus für das Wohnmöbelsortiment von Vitra – sowie zwei neue Bücher bieten Anlass, die Aufmerksamkeit auf das Entwerfen zu lenken.
08_1.jpgDie neue Architekturattraktion in Weil am Rhein, aufgenommen zur frühen "blauen Stunde" von Iwan Baan. (Bild: Pressebild Vitra)
Wieder einmal schafft es die Architektur dieser Tage auf die Titelseiten der Feuilletons. Seit der Möbelproduzent Vitra in Weil am Rhein nach einem schlimmen Feuer 1981 sein Werksgelände von Aufsehen erregenden, engagierten und renommierten Architekt(inn)en bebauen lässt, eilt man jedes Mal, wenn ein neues Gebäude dazu kommt, neugierig und gern in den urbanen Großraum Basel. Und man wird selten enttäuscht. Das jüngste Stück lockt erneut: Erstens wagt sich Vitra jetzt vorbehaltlos ins Geschäft mit privaten Kunden – mit Mobiliar für pekuniär unabhängige Menschen, die ihr Zuhause funktional und mit Geschmack einrichten möchten. Das sind vielleicht Architektenpaare, Zahnarztgattinnen oder Menschen, die Billy einfach leid sind und es satt haben, alles selber zusammenzuschrauben. Wie nun präsentiert man als Hersteller sein hochwertiges Sortiment? Das führte, zweitens, dazu, dass die weltweit renommierten Architekten Herzog & de Meuron zum Zuge kamen, die sich regelmäßig und gern etwas Neues einfallen lassen.
08_2.jpgAm Tag der Pressepräsentation im üblichen Bild dieses Winters: Schnee und hellgrauer Himmel (Bild: Ursula Baus) – darunter das Gelände in einer Axonometrie.
Stars forever  Um sein Bauherrenproblem in den Griff zu bekommen, hatte sich Vitra-Chef Rolf Fehlbaum auf die Baseler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron besonnen, mit denen er einst zwar nicht in dieselbe Klasse, aber doch zur selben Schule gegangen war. Aus mehreren Baukörpern, die wie langgestreckte Einfamilienhäuschen mit Satteldach aufeinander gestapelt sind, kreierten die Pritzkerpreisträger von 2001 einen drolligen Gesamtbaukörper mit übersichtlichen, überaus funktionstauglichen und obendrein sehr schönen Innenräumen. In einer Mischung aus Parodie und Pragmatismus ist den Baselern ein Bauwerk gelungen, das der sonst redselige Jacques Herzog nicht weiter erläutern wollte: "It is what it is" meinte er lapidar, und was hätte er sonst auch groß als neuen Entwurfsglauben verkünden sollen? Man muss nur auf die landauf, landab gleich scheußlichen Ikea-Verkaufshäuser weisen, um die Entwurfsleistung der Baseler anzuerkennen: Mit der Abstraktion des Urhauses und der Stapelei glauben sie ihre Entwurfsidee aus zwei Motiven heraus hinreichend erklärt zu haben.
08_3.jpgRolf Fehlbaum, Pierre de Meuron und Jacques Herzog vor vielen Vertretern der internationalen Presse. (Bild: Ursula Baus)
Aber so einfach ist es nicht  mit dem "Entwerfen". Die Nöte, die aus unserer wirtschaftlichen und ökologischen Misere sowie der allgemeinen Verunsicherung entstehen, hatten wir kürzlich in den Gitterkisten ausgemacht. Nun zeigt sich zudem bei Vitra, dass eine Ansammlung von "baukünstlerischen" Sonderlösungen zwar unterhaltsam sein mag, aber genauso wenig Initialzündung für eine Architektur des 21. Jahrhunderts bieten kann wie der öde Pragmatismus allerorten. Die Zeiten großer, individueller Entwurfsansätze scheinen vorüber und der Glanz der vermeintlichen Stars verblasst; das Meiste, was uns als Öko-Architektur vorgesetzt wird, kränkelt an gestalterischem Gleichmut, die Blobs liegen wie aufgeblasene Kartoffeln in der Gegend und neue Villen im Schinkel-Stile lassen das Blut in den Adern gefrieren – die Krise des Entwerfens ist offensichtlich.
Deswegen reden Architekten heute lieber von einer "Haltung", die irgendwie alles erklären soll, was sie, die Architekten, bauen. Alles und nichts darf und kann man entwerfen und bauen, und warum soll man sich als Architekt dann noch anstrengen, eine "eigene Philosophie" mitzuliefern? "It is what it is" ist aber doch etwas zu wenig, um die Relevanz des Berufsstandes nicht aus den Händen gleiten und um die Gesellschaft nicht im Stich zu lassen – bei allem, was hier noch (um-) gebaut werden soll.

Auch an den Hochschulen weiß man kaum weiter. Studenten werden mit Modulen, Clustern, Creditpoints und zwölfseitigen Studienplandiagrammen traktiert, sie werden mit "Constructing Knowledge", "philosophischen Maschinen", "Intricacy (Lynn), Kosmetik (Kipnis), Coldness (Mc Luhan)" oder "Die Macht des Raumes" getriezt und dann an Keynote-Lectures, double blind reviews und wer-weiß-was gewöhnt. Pauschal darf man das Engagement der Hochschulen, an denen auch viele vernünftige Ideen verfolgt und klug gewählte Themen erforscht werden, natürlich nicht kritisieren, aber eine weit reichende, dramatische Ratlosigkeit und Sprachverwirrung fällt doch auf.
08_4.jpgNeue Bücher zum Thema "Entwerfen"
So erklärt es sich, dass in der letzten Zeit viel über das "Entwerfen" publiziert worden ist; dass außerdem lang gereifte, durchaus bewährte Methoden des Entwerfens vom Computer verdrängt werden und in Parametrisierung und prozessorientierten Abläufen "neu" erfunden werden sollen. Damit nicht vergessen wird, worauf die Digitalisierung des Entwerfens überhaupt aufbaut, freut man sich über einen Rückblick: Ralph Johannes, bis 1997 Professor in Essen, gibt mit einem Autorenkollektiv einen Überblick über die Geschichte der Entwurfslehren, vom Urvater Vitruv bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert. Die Sammlung der Aufsätze ist nützlich, man vermisst jedoch einen roten Faden und auch eine kritische Bewertung dessen, was die knapp vierzig Autoren – darunter Meister ihres Faches wie Barbara Schock-Werner, Hubertus Günther, Wolfgang Schöller und viele andere – zusammengetragen haben.
Ein wenig näher an die Gegenwart wagten sich Susanne Hauser und Daniel Gethmann mit ihrem Sammelband "Kulturtechnik Entwerfen", der im Untertitel Praktiken, Konzepte und Medien in Architektur und Design Science sprachlich wenig Gutes ahnen lässt. So heißt es in der Einleitung: "Den Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass die dem Entwerfen zugrunde liegenden Kulturtechniken als technische Basis kultureller Praktiken und damit auch die sie operationalisierenden Medien keine dem Entwurfsprozess äußerlichen 'Mittel' oder 'Werkzeuge' der Architektur sind." Je komplizierter ein Sachverhalt oder eine Überlegung, desto klarer und einfacher müsste formuliert werden – darum bemühen sich die Herausgeber bereits in der Einleitung leider gar nicht. Und nähren damit den Verdacht, dass Einfaches kompliziert formuliert ist.
08_5.jpgWie sollen, können, dürfen wir sitzen? Stühle für jeden und alle in der Sammlung von Vitra-Chef Rolf Fehlbaum. (Bild: Vitra-Pressebild, Iwan Baan)
Tortzdem  So ist es denn auch in vielen der 20 Aufsätze im Buch, das trotzdem zur Lektüre empfohlen sei. Susanne Hausers und Frank Werners  Beiträgen wünscht man viele Leser, die erkennen wollen, was alter Wein in neuen Schläuchen ist. Gernot Weckherlin hinterfragt das Wissenschaftliche am Entwerfen, und die "Maschine" taucht vielerorts im Buch als ungeordnete Vorhut einer noch ausstehenden Auseinandersetzung mit dem ganzen Computerthema auf.
Damit aus der Kakophonie der Konzepte und Konkurrenzen eine akzeptable Komposition nicht aus den Gedanken verschwindet, ist die Architekturtheorie gefordert. Auch hier tut sich wieder etwas: Zu zwei neuen Architekturtheoriezeitschriften lesen Sie demnächst bei www.german-architects.com mehr. Ursula Baus