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Rendite und Schönheit
 
Vom 16. bis 19. März eilten Immobilienwirtschaftler, Politiker und ein paar Architekten nach Cannes: Von Stars und Starlets auf rotem Teppich keine Spur, profaner Glitzer und kalter Glamour gingen vielmehr von hohen Renditeversprechungen aus: It was Mipim-Time. Ein paar Tage zuvor hatte sich eine handverlesene Runde von Referenten und Diskutanten in Düsseldorf getroffen, um über die "Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt" zu konferieren. Welten trennen diese von jenen – doch beide spiegeln die Wirklichkeit.
12_1.jpgDer Kuppelsaal der "Rheinterrassen", Tagungsort des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst
Falsche Gegensätze als Programm
Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne hatten ans Düsseldorfer Rheinufer in den etwas finsteren, kuriosen, runden Rheingoldsaal der "Rheinterrassen" (einem Gebäudekomplex von Wilhelm Kreis aus den 1920er Jahren) eingeladen, um über "Schönheit und Leistungsfähigkeit der Stadt" zu konferieren. In großer Runde saß man wie bei einer UNO-Konferenz zusammen – nur dass in der würdevollen Atmosphäre die lausige Akustik ein bisschen störte. Der handverlesene Kreis aus Planern, Architekten, Journalisten und anderen Experten ließ weniger erbitterten Streit als etwas langweilige Monotonie befürchten, die sich auch prompt einschlich. Christoph Mäckler und sein Dortmunder Hochschulkollege Wolfgang Sonne, die als durchaus wertkonservativ gelten, hatten die Runde ausgesucht und die Veranstaltung über das hochtrabende Hochschulkonstrukt "Deutsches Institut für Stadtbaukunst" organisiert. Christoph Mäckler sah sich nun nach der ersten Sektion prompt dazu veranlasst, Ein- und Widersprüche einzufordern. Wunderte er sich wirklich, dass Streitlust nicht aufkommt, wo weitgehend Gleichgesinnte beieinander sitzen, um das Edle, Einfache und Gute in der Baukunst zu beschwören? Wo in Sektionstiteln wie "Stadttheorie: Komplexität statt Reduktion" oder "Stadtpolitik: Stadtbürger statt Wohnsiedlung und Gewerbepark" oder "Stadtidentität: Denkmalpflege statt Branding" und in suggestiven – man könnte auch sagen: falsch und bösartig gewählten – Bildpaaren die Versimpelung des Themas ins Auge sprang? Nein, sobald mit falschen Gegensätzen unter Niveau provoziert wird, fängt man das Debattieren gar nicht erst an.
Zum Auftakt wurden vier Streicher und eine Fuge und Contrapunctus BWV 1080 mit "Störungen" angekündigt, die das Ohr subito als misslich erkennen werde. Allein, die Störungen im Spiel der vier Musiker klangen fast alle frisch und munter und bestätigten ein Mal mehr, dass Harmonie und Vollkommenheit der Störung bedürfen, um sich nicht in langweiliger Starre zu erschöpfen. Allzu durchsichtige Schwarzweißthesen und obendrein eine realsatirische, kurzweilige Werkpräsentation von Rob Krier provozierten schließlich doch die meisten Referenten zum Widerspruch, angefangen von Politprofis wie Engelbert Lütke Daldrup über Geschichtswissenschaftler wie Werner Oechslin oder Journalisten wie Gerhard Matzig. Und das "Sofortprogramm", das die Veranstalter in Düsseldorf zu verabschieden gedachten, konnte kaum mehr ernst genommen werden. Einfache Lösungen für Probleme, die nicht einfach sind, gleiten in die Banalität ab.
12_2.jpgDas Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim des Düsseldorfer Architekten Walter Brune
Vom Saulus zum Paulus?  Was passiert derweil in unseren Stadtzentren, wo die Immobilienwirtschaft keineswegs so anonym abläuft wie in Düsseldorf behauptet? Um am Tatort zu bleiben: Die Süddeutsche Zeitung porträtierte zum Beispiel im Wirtschaftsteil am 12. März 2010 den 84jährigen Düsseldorfer Architekten Walter Brune, der auf ein üppiges Lebenswerk zurückblicken kann und sich heute mit rund 200 Mitarbeitern um die Verwaltung seiner Objekte kümmert. Artig distanziert sich Brune heute von seinem Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim ("Nach den Erfahrungen mit Rhein-Ruhr-Zentrum stand für mich fest: Ich baue niemals mehr ein Shoppingcenter", siehe Bild oben) und plädiert stattdessen für "integrierte Center", "Einkaufsgalerien mitten in der Stadt". Zum Beispiel für die Weiterverwertung und Erweiterung von Karstadt-Kaufhäusern, die übrigens bis Ende April verkauft werden sollen. Grotesk: Brune zeigt sich reuig und setzt – zwanzig Jahre lang bevorzugter Karstadt-Architekt – trotzdem noch auf Konsum als Belebungsmittel der Innenstädte. Wie würden die Beiträge des gestaltenden Stadtbürgers Walter Brune zur "Schönheit" der Städte und ihrer "Lebensfähigkeit" bei Mäckler und Sonne wohl wegkommen?
12_3.jpgZwei der Mipim-Gewinner: der Marco Polo-Tower in Hamburg und das Kameha-Grand-Hotel in Bonn
Genau nicht wie vom andern Stern  lasen sich Ende der Woche denn auch die Immobilienteile der überregionalen Zeitungen. Tout le monde economique hatte sich in Cannes getroffen, um rentable Immobiliengeschäfte auszuhandeln, einzutüten und der Krise zu trotzen. Es liefen hier keine kleinen grünen Männchen oder anonymen Monster herum, sondern ganz normale Menschen – Stadtbürger eben. Es ist ja kaum zu begreifen, wie schizophren im breiten öffentlichen Diskurs noch immer über Architektur und Stadtentwicklung debattiert wird: als ob Wirtschaft, Politik und Kultur nichts miteinander zu tun hätten. So plädiert zum Beispiel Peter Richter – wie viele Kollegen in der Zunft und der Laienschaft auch –  für den Erhalt von Nachkriegsarchitektur (Feuilleton der FAS, 21. März 2010, online nur gegen Bezahlung zu lesen), während in der FAZ-Industrie- und Gewerbeimmobilienbeilage vom 12. März 2010 klipp und klar zu Abriss und Neubau statt Sanierung geraten wird, weil sich damit "höhere Rendite, bessere Flächen- und Energieeffizienz" als Vorteile ergeben. Lutz Aengevelt, Gesellschafter von Aengevelt Immobilien, argumentiert prompt mit den guten Ökowerten von Neubauten, außerdem nerve es die Controller, "wenn aufgrund schlechter Flächeneffizienz insbesondere in älteren Bestandsobjekten nicht nur ungenutzte Quadratmeter gemietet, sondern auch noch mit steigenden Kosten bewirtschaftet werden müssen". Rührt uns das Nervenleiden der bemitleidenswerten Controller? Aengevelt war zum Beispiel vom Eigentümer des Zürich-Hauses in Düsseldorf, Heinrich-Heine-Allee, mit Analysen beauftragt. Eine Kaltmiete über 10 Euro sei auch nach umfassender Sanierung nicht zu erreichen, weswegen Aengevelt Abriss und Neubau empfahl. "Der Erwerber, die NCP-Gruppe, folgte dieser Empfehlung und errichtet zur Zeit das Orrickhaus." Verkäufer, Analysten, Erwerber und Neubauarchitekten – das alles sind Menschen mit Verstand, Fleisch und Blut – anders gesagt: mit Hirn, Hunger und Durst. Fehlt da was?
Natürlich: das Streben nach dem Guten und Schönen! Das schätzen auch die Mipim-Akteure und vergeben deswegen Preise – auch deutsche Projekte wurden gekürt: der Marco Polo Tower in Hamburg von Behnisch Architekten, den Developpern DC Residential GmbH & Co. KG und der Hochtief Projektentwicklung GmbH (Kategorie Residential developements category, Bild links), außerdem das Hotel Kameha Grand in Bonn von den Architekten Karl-Heinz Schommer und Marcel Wanders sowie den Developpern Bonn Visio Real Estate GmbH (Kategorie Hotels & Tourism resorts). Ob wohl diese beiden Projekte bei Mäckler und Sonne Gnaden gefunden hätten? Kurven und Glaskisten passen nicht in ihr Stadtbaukunstleitbild, in dem noch eine homogene Stadtbaugesellschaft beschworen wird. Die gibt es nicht mehr – wenn es sie denn je gegeben haben sollte. Ihr nachzutrauern, hilft nichts, denn wer – außer Touristen, die sich für kurze Zeit einer idyllischen Illusion hingeben – will sie denn überhaupt? ub