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Tempelhof geöffnet, Zukunft offen
 
So recht leuchtet nicht ein, warum die Berliner 18 Monate darauf warten mussten, dass sie das Gelände des ehemaligen Flughafens betreten dürfen – nun endlich ist es soweit. Was hier allerdings in Zukunft passieren wird, bleibt vorerst vage, der Konzepte und Pläne sind viele, manche davon umstritten. Was bisher geschah und was in Zukunft geschehen könnte.
20_1.jpgNoch ist auf dem Areal des Tempelhofer Parks viel möglich. (Bild: Cordelia Polinna)
386 Hektar Land, ein Zaun, eine Stadtautobahn, Hauptverkehrsstraßen und S-Bahntrassen als Begrenzung sowie eine Architektur-Ikone des Nationalsozialismus – die Integration eines solchen Gebiets in den städtischen Kontext Berlins ist fürwahr eine städtebauliche Herausforderung – aber auch eine enorme Chance. Schon in den ersten beiden Tagen seit der Öffnung des neuen Parks kamen 200.000 Menschen, um am vom Senat organisierten Sport- und Drachenfest teilzunehmen, ein wenig für längere Öffnungszeiten in den Abendstunden zu demonstrieren, vor allem aber, um die grandiose Weite des neuen Parks und die Aussichten auf die Stadt zu genießen.
20_2.jpgDer Tempelhofer Park heute und das Konzept für die IGA 2017. (Bilder: Grün Berlin GmbH und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin)
Vorgeschichte: Die 1990er
Es ist kaum verständlich, warum es 18 Monate dauern musste, bis der seit dem 30. Oktober 2008 für den Flugverkehr geschlossene Flughafen Tempelhof der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Zwar war die Einstellung des Flugbetriebs lange umstritten, die Umnutzung des Gebiets war aber schließlich schon im Flächennutzungsplan von 1994 festgeschrieben worden. Da war es beim Ausbau von der provisorischen Flughafenbaracke zum ersten richtigen Abfertigungsgebäude 1923/24 noch schneller gegangen. Obwohl ein Flugzeug mit zwei Mitgliedern des Berliner Magistrats an Bord während eines Besichtigungsfluges auf das potenzielle Flughafengelände über der benachbarten Hasenheide abstürzte und die Politiker tödlich verunglückten, beschloss der verbliebene Magistrat dennoch, den Flughafen zügig auszubauen. So viel persönlichen Einsatz erwartet ja heute niemand mehr, aber das lange verschlossen gebliebene Gelände zeugt doch von einer gewissen Ignoranz des Berliner Senats gegenüber den Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner der Stadt und erweckt den Eindruck, dass man von den vielfältigen Möglichkeiten, die sich zur Weiternutzung der gigantischen Gebäudestrukturen und der Freiflächen entfalteten, doch reichlich überrascht war.
Was überrascht. Denn dem FNP-Beschluss zur Umwidmung der Fläche von 1994 folgte 1999 ein Masterplan von Kienast und Vogt Landschaftsarchitekten und dem Architekten Bernd Albers, der die Idee des "Wiesenmeers" auf Papier bannte. Wichtigstes Gestaltungselement des Planes war – und ist bis heute – der noch von der Flughafennutzung übrig gebliebene, ringförmige Taxiway, sprich die Zufahrt zu den Start- und Landebahnen. Dieser Taxiway gibt die Form und Größe des zentralen Freiraumes vor, dieser gigantischen, von zwei Betonpisten durchschnittenen Ebene. Er definiert aber auch die Kanten der geplanten Stadtquartiere – hohe Punkthäuser am Tempelhofer Damm, die ein ganz klein bisschen ein Central-Park-Gefühl wecken sollen, eine offenbar unvermeidbare Blockrandbebauung Richtung Columbiadamm und eine nicht minder dichte Bebauung mit Stadtvillen Richtung Schillerpromenade in Neukölln. Dieser Masterplan traf wesentliche, bis heute gültige Vorentscheidungen für die Nachnutzung des Areals: Parallel zur Autobahn im Süden soll ein Gewerbegebiet entstehen, neue Wohnbebauung soll sich an der Grenze zu Neukölln und Richtung Columbiadamm konzentrieren, das Zentrum soll frei bleiben und die klimatisch ausgleichende Wirkung des Tempelhofer Feldes erhalten.

Konzepte und Planungen seit 2006
Die Debatte zur Nachnutzung gewann desto mehr an Dynamik, je näher der Termin rückte, an dem der Flughafen geschlossen werden sollte. Diverse Bürgerinitiativen äußerten ihren Unmut darüber, dass der Flughafen stillgelegt werden sollte, der ihrer Meinung nach ein unschätzbares Potenzial für den Wirtschaftsstandort Berlin darstellte; Ende 2006 richtete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Ideenwerkstatt Tempelhof ein. Raumlabor, Studio Urban Catalyst sowie Michael Braum und Partner entwickelten gemeinsam ein Konzept für eine prozessuale Entwicklung des Gebiets und entwarfen ein breites Spektrum von Strategien zur Aktivierung der Flächen durch verschiedenste Akteure, die sich mittel- und langfristig auch städtebaulich auf dem Gelände manifestieren sollte. Diese innovative und viel versprechende Idee wurde durch den im Januar 2009 bekannt gewordenen Deal zwischen dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit und der Modemesse Bread and Butter schlichtweg vom Tisch gewischt. Die für die "Modestadt Berlin" prestigeträchtige Messe sicherte sich die Nutzung großer Teile der Flughafengebäude sowie der Hangars für die nächsten zehn Jahre für zwei Termine jährlich. Das prozessuale Nachnutzungskonzept der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war erst einmal passé, die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, düpiert.
20_3.jpgPhasenplan des in der Ideenwerkstatt entwickelten Konzepts – von Klaus Wowereit vorerst gestoppt. (Bild: raumlaborberlin und studio UC)
Die Organisation und Planung der Nachnutzung wurde 2009 in die Hände der landeseigenen Berliner Immobilien-Management (BIM), der ebenfalls landeseigenen GrünBerlin GmbH sowie der Adlershof Projekt GmbH gelegt. Die Adlershof Projekt GmbH soll bis Ende Juni 2010 einen "Gesamtentwicklungsplan" vorlegen und sich zu einer Entwicklungsgesellschaft mausern. Für das "Columbiaquartier" fand in der ersten Hälfte des Jahres 2009 ein Ideenwettbewerb statt, der jedoch eigentlich nie entschieden wurde. Drei zweite Plätze wurden an die Büros Urban essences Architektur zusammen mit Lützow 7 Landschaftsarchitektur; Graft Architekten zusammen mit Büro Kiefer Landschaftsarchitektur sowie chora architecture and urbanism zusammen mit gross.max Landschaftsarchitektur vergeben. Der Entwurf von chora/gross.max, die das neue Stadtviertel zu einem Experimentierfeld für nachhaltiges Bauen machen wollen, ist wahrscheinlich am visionärsten und lässt sich vermutlich am besten mit der Idee des Senats verknüpfen, auf dem Gelände im Jahr 2017 eine Internationale Gartenausstellung (IGA) zu veranstalten. Weitere Konzepte werden vorbereitet. Bis zum 14. Mai konnten Ideen im offenen landschaftsplanerischen Wettbewerb "Parklandschaft Tempelhof" eingereicht werden. Gefragt sind Entwürfe, die über gestalterische Fragestellungen hinausgehen. So sollen Vorschläge entwickelt werden, wie der Park zukünftig trotz sinkender Zuwendungen durch die öffentliche Hand bewirtschaftet werden kann – der Auslober erwartet "ganz neue Bilder einer urbanen Parklandschaft". Über den Park soll zwischen den unterschiedlichen an Tempelhof grenzenden Quartieren und den Gruppen, die Anspruch auf das Gebiet erheben, vermittelt werden: den unterschiedlichen sozialen Milieus aus Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof, den hoffentlich in großer Zahl herbeiströmenden Kreativen, den sich um die besten Standorte balgenden Unternehmern für Zukunftstechnologien und den Bewohnern der neu entstehenden Quartiere.
20_4.jpgWettbewerbsbeitrag von chora/gross.max für die Bebauung des Columbiaquartiers – ein Konzept, das dem Anspruch einer IGA gerecht werden könnte. (Bild: chora architecture and urbanism)
Für die Nutzung und Umgestaltung der Freiflächen gibt es also zahlreiche mehr oder weniger tragfähige Konzepte, in den kommenden Wochen werden noch viele dazukommen, wurde doch am 17. Mai eine Ausschreibung gestartet, die Zwischen- und Pioniernutzungen für den Tempelhofer Park sucht. Was aber geschieht mit dem Flughafengebäude selbst, dieser imposanten, aber auch abweisenden Großstruktur? Dazu hört man – abgesehen von den zwei Wochen Bread and Butter pro Jahr – zurzeit recht wenig. Die Zentral- und Landesbibliothek, die seit Jahren auf mehrere Standorte in Berlin verteilt ist, war von dem Gedanken, im Flughafengebäude eine Großbibliothek einzurichten, verständlicherweise wenig begeistert. Sie wünscht sich vielmehr einen spektakulären Neubau an der süd-westlichen Ecke des Flugfeldes, am S-Bahnhof Tempelhof. Nicht weniger als die mit 67.000 Quadratmetern größte Bibliothek Europas dürfe hier gebaut werden. Ein solcher Bau könnte die städtebaulich nicht unproblematische Situation an der Kreuzung von Tempelhofer Damm, Ringbahn und Stadtautobahn aufwerten und einen interessante Eingang zum Park schaffen. Die Frage ist nur, ob sich in diese heute noch extrem unwirtliche Gegend so viel Kundschaft verirrt, wie eine solche multifunktionale Bibliothek verdient. Und ob nicht ein Standort auf der Neuköllner und Kreuzberger Seite eine bessere Verzahnung mit den umliegenden, problembelasteten Quartieren ermöglicht hätte.

Umfeld und Gesamtstadt
Dass dort eine deutliche Aufwertung politisch gewollt ist, steht außer Frage. Im Schillerkiez in Nord-Neukölln gibt es große Potenziale für die Kreativbranche; die Anbindung an das Zentrum Berlins ist hervorragend und die Baustrukturen sind attraktiv. Schon jetzt ist das Gebiet zu einer Art "heiligem Grahl" für Gentrifizierungsgegner geworden, die im Bezirksamt Neukölln das personifizierte Böse zu entdecken glauben und nicht vor Angriffen auf das örtliche Büro des Quartiersmanagements zurückschrecken. Genauso ist der Schillerkiez aber auch ein Rückzugsort für die schwierigen Milieus, die Neukölln seinen zweifelhaften Ruf einbrachten. Dass hier wohldosierte planerische Eingriffe durchaus positive Effekte auslösen könnten, wird wohl niemand bestreiten. Wie jedoch finanzschwächere gesellschaftliche Gruppen vor der Verdrängung geschützt und wie ihnen weiterhin ein Leben in der Innenstadt ermöglicht werden kann, muss dringend zwischen allen beteiligten Akteuren ausgehandelt werden. Es wird deutlich, dass es hier nicht darum gehen kann, die bebaubaren Flächen mit einem Raster aus Stadtvillen oder Blöcken zu überziehen, sondern komplexe, differenzierte, in mehreren Phasen umsetzbare städtebauliche Interventionen zu entwickeln – auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens, aber auch in den angrenzenden Quartieren –, um wirklich das 80 Jahre lang abgeschottete Areal mit seinem Umfeld zu verzahnen. Warum nicht die IGA auf eine IBA Tempelhof-Nord-Neukölln ausdehnen, um qualitätvolle Grünräume zu schaffen, innovativen Wohnungsbau zu errichten und mit Leuchtturmprojekten der sozialen und kulturellen Infrastruktur Impulse zu setzen?
Fährt man mit dem Rad über die etwas über zwei Kilometer lange Startbahn, mit gigantischen Wiesen zu beiden Seiten und dem Flughafengebäude und dem Rest der Stadt irgendwo ganz hinten, gewinnt auch die Idee an Kraft, hier erst mal gar nichts zu verändern und alles so zu lassen, wie es ist. Berlin hat schließlich noch genug andere bebaubare Flächen anzubieten – am Hauptbahnhof, an der Spree und bald auch den Flughafen Tegel. All diese Gebiete sollten stärker als bisher vernetzt betrachtet werden; bei der Entscheidung "entwickeln" oder "abwarten" müssten Prioritäten im Kontext der Entwicklung der gesamten Stadt gesetzt werden. Cordelia Polinna

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Metropolitan Studies, TU Berlin, und am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlicher Raum, TU München, sowie Mitbegründerin der Initiative "Think Berl!n".