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Verbitterte Debatten um die Zukunft Tempelhofs (siehe das Magazin von vergangener Woche), die Rekonstruktion des Schlosses im barocken oder zeitgenössischen Gewande, der Umbau des Opernhauses Unter den Linden – all diese neuralgischen Punkte im Osten der Stadt lassen ihren Westen um den Zoo und am Ku'damm etwas in Vergessenheit geraten. Doch der wird teilweise neu erfunden und rabiat umgebaut. Es war einmal... Das Bikini-Haus, 1956 im Bau (Bild: www.berlin-stadtentwicklung.de), rechts: Modeaufnahmen vor der West-Kulisse, links das Bikini-Haus, rechts die Gedächtniskirche (aus: Mohr, Mode in Deutschland, Bild: B. Pofahl)Wer früher, genauer gesagt vor Mai 2006 aus dem Bahnhof Zoo heraustrat, dem Knotenpunkt des alten West-Berlin, sah eine quirlige Stadt vor sich, mit Verkehr zu Fuß, im Auto und in zahllosen Omnibussen, voran die "Großen Gelben", wie die Doppeldecker traditionell genannt werden. Wer heute an dem Bahnhof ankommt – vorausgesetzt, es gelingt ihm, angesichts der seit Eröffnung des nagelneuen Hauptbahnhofs gestrichenen Zughalte –, findet sich in der Atmosphäre eines beliebigen Lokalbahnhofs wieder. Na immerhin, der Verkehr vor den Türen ist noch da. Noch. Gebiet am Hochhaus Zoofenster, Waldorf-Astoria, Christoph Mäckler Architekten; derzeit im Bau (Bild: Berliner Morgenpost und www.chm.de)Am Bahnhof Zoo Es steht nicht furchterregend schlecht um die City-West der Bundeshauptstadt, aber auch nicht sorgenfrei gut. Schräg gegenüber vom Bahnhof, der seinen Namen dem unmittelbar angrenzenden Zoologischen Garten verdankt, wächst ein Hochhaus in die Höhe, entworfen von Christoph Mäckler. Ein Dutzend Stockwerke sind bereits in Beton gegossen, 32 sollen es werden. 118 Meter Endhöhe können mit "Mainhattan", der Heimat Mäcklers, nicht konkurrieren, aber für Berlin, dieses vergleichsweise flache, aber enorm weiträumige steinerne Meer, bedeuteten früher einmal 100 Meter die absolute Obergrenze, wegen des über die Stadt hinwegdröhnenden Flugverkehrs. Mäckler hat seinem Entwurf eine solide Gestalt gegeben, nicht so ein Hi-tech-Dings, wie es Richard Rogers, der Architekt des zuvor geplanten Hochhauses, im Sinn hatte. Das hätte sich für den Nutzer, die Hotelkette Waldorf-Astoria, auch nicht geziemt. Schimmelpfenghaus, etwa 2006, 1956-60 von Gustav Sobotka und Frank Heinrich Müller; im Mai 2009 begann der Abriss (Bild: www.berlin.de); rechts der Entwurf des Büros Langhof für den Neubau (1996, genehmigt 2007; Bild: www.langhof.com)Rund zwanzig Jahre lang wird über den prominenten Bauplatz im Dreieck zwischen Kant-, Hardenberg- und Joachimstalerstraße diskutiert, verhandelt, beschlossen; jetzt ist es tatsächlich so weit. Das "Schimmelpfenghaus" aus den Aufbaujahren nach dem Krieg, benannt nach dem Erstmieter, einer Detektei, das die Kantstraße überspannte und dadurch zum verkommenen Hinterhof abriegelte, ist bis auf einen Stummel zurückgestutzt worden, der jetzt eine Fassade zur Straße hin erhält. Das Ensemble am Zoopalast (Bild: Berliner Morgenpost) und der Entwurf für den Umbau des Bikini-Hauses am Zoo, Budapester Straße, von nps Tchoban Architekten (Bild: www.nps-tchoban-voss.de)Größter Komplex der Wiederaufbauzeit ist der "Bogen am Zoo", der Komplex aus Hochhaus, Großkino und Bikini-Haus entlang der Hardenbergstraße/ Breitscheidplatz. Das Hochhaus ist vor Jahren schon wärmedämmend totalverschandelt worden, der "Zoo-Palast", immer noch größtes Lichtspieltheater der Stadt und als Hauptsitz der Filmfestspiele in nostalgischer Erinnerung, soll technisch nochmals aufgerüstet werden, um die Konkurrenz durch die allgegenwärtigen (und auch nicht krisenfesten) Multiplexe bestehen zu können. Das Bikini-Haus, im Volksmund so genannt wegen des Luftgeschosses, das einst den Breitscheidplatz mit Frischluft aus dem nahen Tiergarten versorgen sollte und das vor über dreißig Jahren bereits geschlossen wurde, das Bikini-Haus also wird nach Plänen von Sergei Tchoban (nps tchoban voss) umgestaltet, wenn denn der Investor, die Bayerische Immobilien-Gruppe, die erhofften Mieter für eine Luxuseinkaufsmeile anstelle der bisherigen Ramschläden zusammen hat. Gegenüber, auf dem Breitscheidplatz, ist derzeit der Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eingerüstet. Im kommenden Jahr wird das seinerzeit aufs Heftigste umstrittene Bauvorhaben von Egon Eiermann, der den bombenzerfetzten Turmstumpf aus dem Kirchenkomplex des Historisten Franz Schwechten nur widerwillig integrierte, 50 Jahre alt. Es erscheint eine Sonderbriefmarke; Reminiszenz an die Zeiten, da Berlin-West eigene Marken herausgab. Der Kirchturm mit seinem gezackten Rand wird künftig vom Mäckler-Hochhaus überragt werden – symbolisches Ende der Wiederaufbauzeit, für die die Gedächtniskirche doch jahrzehntelang stand? Auf dem Gelände hinter dem Bahnhof Zoo, das eigentümlicherweise noch nie etwas anderes war als eine Brache mit Autobus-Abstellflächen und Zoo-Wirtschaftshof, sollte ein 175 Meter hohes Riesenrad nach dem Vorbild des "London Eye" emporwachsen. Die Frage, was man denn für circa 14 Euro aus der Höhe an Bemerkenswertem würde sehen können, hatte sich offenbar niemand gestellt. Die Banken womöglich doch, denn mittlerweile haben die anfangs recht forsch aufgetretenen "Projektentwickler" kleinlaut das Ende ihres Vorhabens verkündet. Berlin von oben ist nun mal nicht London. Es kennzeichnet die Ideen- wie auch Projektarmut Berlins jedenfalls in seinen westlichen Bezirken, dass sogar eine derart schillernde Seifenblase wie das Mega-Riesenrad von der Lokalpolitik freudig begrüßt und durchgewinkt wurde. Der Kudamm "Die Pläne für Berlin-West gehen an der Realität vorbei", hat unlängst der scharfzüngige Korrespondent der Londoner "Times", Roger Boyes, bemerkt: "Ästhetischer Mittelpunkt des Westens war nie der zunehmend überflüssige Bahnhof Zoo, sondern der Ku'damm." Das ist wahr gesprochen. Denn die Zoo-Gegend zeichnet sich nie – nie! – durch architektonischen Glanz aus, sondern allein durch ihre Lebendigkeit und durchaus auch Ruppigkeit. Der Kurfürstendamm hingegen, der im kommenden Jahr sein 125-Jähriges feiern darf, war "früher einmal eine der großen Straßen Europas", wie Boyes schreibt und wofür seine englischen Landsleute von Isherwood bis John Le Carré Zeugen sind. Doch ein Konzept für die Flaniermeile des Westens gibt es nicht, noch nicht einmal gemeinsame Interessen der Gewerbetreibenden. Die "Filialisierung" geht unvermindert voran, mögen es auch meist Filialen von Luxusmarken sein, wie "Hermès" oder "Bulgari", die einzelnen Abschnitten der 3,5 Kilometer langen Prachtstraße Glanz verleihen. Dass auch Discounter und Drogeriemärkte am Ku'damm Platz gefunden haben, kann nicht verwundern; man mag es als Begleiterscheinung des sozialpolitisch sehr erwünschten Umstandes ansehen, dass die nahen, berlintypisch großen Wohnhäuser der Zeit um 1900 in ihren weniger formidablen Seitenflügeln auch weniger begüterten Bürgern Platz bieten. Auf der Höhe Uhlandstraße wird das Ku'damm-Karree von David Chipperfield Architects umgebaut (Bild: www.das-neue-kudammkarree.de)Derzeit konzentriert sich das Interesse auf das weitläufige "Kudamm-Karree", ein Investorenprojekt der in West-Berlin legendären Sigrid Kressmann-Zschach. Vor gut zwanzig Jahren bereits wurde das zentrale Hochhaus mit einer Natursteinfassade aufgehübscht, doch die niedrigen, labyrinthischen Passagenwege zwischen insgesamt drei Straßen halten keinem Vergleich mit den nach der Wiedervereinigung aufgekommenen Shopping Malls stand und sind verödet. Nun will der (wieder einmal) neue Eigentümer, die irische Ballymore-Gruppe, einen Totalumbau für rund 550 Millionen Euro durchziehen – dem aber die beiden Ku'damm-Theater, die Überbleibsel des einst funkelnden Unterhaltungsboulevards, zum Opfer fallen müssten (sieht man einmal von der hoch subventionierten "Schaubühne" im nur noch als Fassade erhaltenen Mendelsohn-Bau ab). Der in Berlin bestens eingeführte Londoner David Chipperfield hat Pläne ausgearbeitet, die die Translozierung der größeren, historischen "Komödie" an eine Seitenstraße vorsehen. "Wir werten die Uhlandstraße auf", erklärt Chipperfield, "indem wir ein unattraktives Parkhaus abreißen und einen urbanen Platz schaffen." Denn vom Hochhaus, bislang im Blockinneren versteckt und nicht sichtbar, soll ein 80 Meter langer, 30 Meter breiter Platz zur Uhlandstraße entstehen, den der Investor werbewirksam als "Max-Reinhardt-Platz" annonciert – als ließe sich der Geist des genialen Theatermachers, der in Berlin einmal ein regelrechtes Theaterimperium dirigierte, auf diese Weise beschwören. Dabei geht es vorrangig darum, entlang des Ku'damms deutlich mehr Gewerbefläche zu schaffen. Links: Kranzler-Eck 2008, verschandelte Fünfziger-Jahre-Architektur (Bild: http://de.academic.ru); gmp bauten 2000 am Ku'damm das Swissotel (Bild: Muhs/Elsen)Diejenigen Gewerbe indes, die den Ku'damm früher zur Flaniermeile machten, sind verdrängt worden: die Gastronomie, vor allem Cafés, und die Kinos. "Konditern gehen" war eine Lieblingsbeschäftigung "der" Berlinerin bis in die siebziger Jahre hinein. Dann verschwanden sie, bis hin zum Kranzler-Eck, dem kein Geringerer als Günter Grass zu literarischen Ehren verholfen hatte, und sei's auch mit bösartigem Unterton. Allenfalls als Appendix des Hotels Kempinski hält sich ein Straßencafé, ansonsten haben Coffee Shops mit schnellem Umsatz Einzug gehalten. Die einst glanzvollen Kinos wie Marmorhaus, Filmbühne Wien oder Astor sind verschwunden, ersetzt von Textilfilialen, oder wie das MGM-Kino ganz abgerissen worden. Lediglich das anspruchsvolle Cinéma Paris an der Ecke Uhlandstraße hält sich, im Gebäude des Maison de France, das den herben Charme der frühen Fünfziger atmet, als allein schon eine intakte Fassade wie ein Signal der anbrechenden Zukunft wirkte.
Platz für Neubauten gibt es am Kurfürstendamm nicht, es sei denn durch Abriss. Zuletzt hatte es das von Werner Düttmann Anfang der siebziger Jahre entworfene "Kudamm-Eck" getroffen, einen verschachtelten Betonklotz in bester Ecklage, den das von gmp entworfene, wesentlich höhere Swissotel mit integrierter C&A-Filiale ersetzte. Neubau gibt es nur am "oberen" Ende – wie der Berliner sagt – des Ku'damms, im Ortsteil Halensee, wo der Boulevard die Ringbahn überquert. Dort, wo jahrelang eines der verrufensten Lokale der ortsansässigen Russland-Mafia hinter schweren Vorhängen mehr zu erahnen als zu sehen war, wird demnächst ein riesiger Baumarkt entstehen, mit Zugang von der dort bereits sehr gewöhnlichen Straße. Seh'n se, det is Berlin! Bernhard Schulz |
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