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www.deutscher-pavillon.org
www.deutschlandschaft.de www.updatinggermany.de www.sehnsucht-biennale.de Der Deutsche Pavillon. Die deutschen Beiträge zur Biennale Venedig 1895-2007 Herausgeber: Ursula Zeller/ Institut für Auslandsbeziehungen Köln 2007 ISBN: 978-3-8321-9016-3 Biennale Venedig – Der deutsche Beitrag 1895-1995 Herausgeber: Institut für Auslandsbeziehungen Ostfildern 1995 ISBN: 3-89322-740-7 |
In der FAZ vom vergangenen Samstag erhielt der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach zwei komplette Druckseiten Platz, um in fachlich dürftiger Polemik Schönheit und Wohlgefallen gegen Ökonomie und Fortschritt – vor allem aber die heute lebenden Architekten gegen den Rest der Menschheit in Stellung zu bringen. Derweil traute man wenige Tage vorher seinen Augen nicht: Die Bundesarchitektenkammer fordert den Abriss und Neubau des Deutschen Pavillons auf dem Gelände der Biennale in Venedig. Es geht drunter und drüber in der beliebigen Bewertung von Geschichte. Steine des Anstoßes: der deutsche Pavillon vor und nach der Renovierung in den 1990er Jahren (BBR)Die Pressemeldung, die uns am 24. Juni 2010 von der Bundesarchitektenkammer per Mail erreichte, hielten wir zunächst für einen Irrläufer – soll's ja geben im hurtigen Mail-Verkehr. Aber sie war echt und ernst, und so dürfen wir wiedergeben: "Im Vorfeld der am 29. August beginnenden Architektur-Biennale 2010 in Venedig schlägt Prof. Arno Sighart Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer, den Abriss und einen Neubau des deutschen Pavillons auf dem Biennale-Gelände in Venedig vor. Mit einem Architektenwettbewerb soll dann ein neues, modernes Gebäude entstehen, mit dem das heutige Deutschland sich zeitgemäß präsentieren kann. 2014 – zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls und der friedlichen Revolution in Deutschland – wäre ein würdiger Termin zur Eröffnung des neuen Pavillons." Der Pavillon, so Schmid, entspreche "so gar nicht mehr unserem demokratischen Selbstverständnis". Es werde Zeit, sich "vom jetzigen Gebäude mit der ausgeprägt nationalsozialistischen Monumentalität zu verabschieden". Der Pavillon gelte "schon lange als schwer bespielbarer Ort". Hinzu komme, dass er "seine einmalige Lage direkt am Ufer der Lagune nicht nutzt. In vielen Metropolen der Welt gilt eine Lage am Wasser immer als ein besonders attraktiver Standort, hier gibt es nicht einmal eine Fensteröffnung zur Lagune..." Auch, dass das Haus unter italienischem Denkmalschutz stehe, sollte "keine unüberwindliche Hürde" sein. "Der historische Wert dieses Pavillons rechtfertigt nicht seinen Erhalt". Der Pavillon (links, Foto: Ursula Baus) – und die Modelle von Liam Gillick zur Umbauplanung des Pavillons von Arnold Bode aus dem Jahr 1957 (Foto: Axel Schneider, www.deutscher-pavillon.org)Nun darf man entgegnen (in umgekehrter Reihenfolge zu den Inhalten der BAK-Pressemeldung): 1. Wieso rechtfertigt ein historischer Wert den Erhalt eines Gebäudes nicht? Wieso glaubt die BAK den italienischen Denkmalschutz einfach aushebeln zu können? 2. Ein Ausstellungshaus ist weder ein Bootsclub mit direktem Zugang zum Wasser, noch ein Ort, an dem man, mit einem Glas Champagner in der Hand, aufs Wasser gucken muss – und schon gar nicht in Venedig, wo ohnehin das Wasser überall präsent ist. 3. Was kann Künstlern und Architekten Besseres widerfahren, als sich mit einem "schwer bespielbaren Ort" konfrontiert zu sehen? Dazu weiter unten mehr. 4. Der Pavillon hat definitiv keine "nationalsozialistische Monumentalität", sondern wirkt – von vielen als "Hütte" bezeichnet – in seinem Maßstab wie eine Verniedlichung oder sogar Karikatur dieser Monumentalität; Ernst Haiger gelang es 1938 nicht, die Tempelidee von Daniele Donghi, der den Pavillon 1909 als bayrischen Pavillon gebaut hatte, zu "nationalsozialisieren". 5. Was hat es denn mit unserem "demokratischen Staatsverständnis" auf sich? Repräsentative Schlossrekonstruktionen werden vorangetrieben, aber eine Architektur, die vielfach in jeweilige künstlerische Gegenwart transformiert worden ist, wird einfach negiert und zum Abriss empfohlen? Auch dieser Punkt sei weiter unten ausgeführt. 6. Was hat der Fall der Mauer mit dem Ausstellungspavillon in Venedig zu tun? 7. Wieso soll denn ein "modernes Gebäude" – außer mit funktionstüchtigen Lagerräumen und Toiletten – "einfacher" zu bespielen sein als der existierende Pavillon? Hans Haacke inszenierte 1993 einen zertrümmerten Boden im Pavillon, Grüntuch Ernst führten 2006 die "Convertible City" auf, Cordula Rau, Eberhard Tröger und Ole W. Fischer gehen 2010 der "Sehnsucht" nach – ab Ende August in den Giardini.Dass der Pavillon ausgezeichnet "bespielt" werden kann, bewiesen Künstler und Architekten seit Jahrzehnten immer wieder – und mit welchem Erfolg zeigte sich zum Beispiel 2001, als Gregor Schneider die labyrinthischen Räume seines "Hauses ur" aus Mönchengladbach-Rheydt ins Innere des deutschen Pavillons übertrug. Dafür erhielt er prompt einen Goldenen Löwen. Dass sich die Bundesrepublik hier in nationalsozialistischem Kleide falsch präsentiere, kann ihr nicht vorgeworfen werden – wird es auch nicht. Im Gegenteil: Die Künstler und Architekten nahmen die Herausforderung der Architektur und ihrer politischen Ikonographiegeschichte mit zum Teil herausragenden Ergebnissen an. Gerade die Geschichte eines Hauses bietet immer wieder einen Ansatzpunkt, mit dem jeder kreative Mensch etwas anzufangen weiß.
Man fragt sich nun, wer ein Interesse daran haben kann, den Pavillon abzureißen. Die deutsche Bauwirtschaft, weil sich in einem Neubau ihr Leistungsspektrum beziehungsweise ihre Produktpalette besser vorführen ließe? Eine auf rechtwinklige Langweile festgelegte Architektenriege, die sich als Nachhut welcher Moderne auch immer sieht? Ein Wettbewerb soll's richten: Was ist bei den mutmaßlichen Jurymitgliedern aus Ämtern und Verbänden anderes zu erwarten als eine neue Energie-Technikwunderkiste, solide, bieder, risikolos, politisch korrekt? Eine eindeutige Ikonographie des demokratischen Bauens gibt es nicht – kann es auch nicht geben. Die Tatsache, dass wir mit vorhandener Bausubstanz leben müssen und können, führt dagegen zu immer mehr Umnutzungen und Umbauten, die, gäbe es eine zuverlässige Ikonographie, samt und sonders nicht funktionieren könnten.Die Auseinandersetzung mit der Ikonographie bestehender Architektur ist eines der wichtigsten Themen in der europäischen Gegenwartsarchitektur. Die BAK ignoriert es durch einen Abrisswunsch, der ein falsches Signal setzt: Ein Gemisch aus diffuser Unbehaglichkeit und Lobbyistenwünschen könnte unvorsehbaren Schaden anrichten. Es ist immer mal wieder ein Kreuz mit den Deutschen und ihrer (Bau-)Geschichte. Mosebach verklärt sie, die BAK verteufelt sie. "Lasst gut sein, Kinder, geht spielen" – beschieden uns unsere Eltern, wenn sich die Fronten verhärtet hatten. Es wird ein Leichtes sein, den deutschen Pavillon mit einem Lager und Toilettenanlagen zu ergänzen. Dafür wird man keinen Wettbewerb brauchen. Geld spart man auch, das in den gerade halbierten Denkmalschutzzuschuss zurückfließen könnte. Die Denkmalpflege entmachtet und finanziell ausgetrocknet; Abrisswut gekontert mit Rekonstruktionswahn – deutsche Architekturgeschichte scheint noch immer ein emotional vermintes Terrain zu sein, ein wissenschaftlich oft brachliegender Acker, ein ökonomisches, scharf anvisiertes Feindbild. Dabei müsste sie in ihrer seit Jahrzehnten vom Krieg verschonten Vielfalt als kulturelles Glück begriffen werden; zerstört wird dieses Glück allem voran von der Banalität des ökonomischen Diktats, dem wir uns nicht widerspruchslos unterwerfen dürfen. Ursula Baus |
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