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Günter Behnisch (1922-2010) |
|  | |  | Das Engagement der deutschen Bundeswehr in Afghanistan wird inzwischen offiziell "Krieg" genannt. Aus dem gepeinigten Afghanistan werden die Leichen junger deutscher Soldaten zurück nach Deutschland geflogen – wo der Krieg vor nur wenigen Dekaden wütete wie niemals zuvor. Wo, wenn nicht hier, musste und muss man wissen, dass Demokratie und Frieden die höchsten Errungenschaften einer Gesellschaft sind und der Krieg das schlechteste Mittel auf dem Weg dahin ist? Günter Behnisch wusste das und begriff darin eine Aufgabe in dem Metier, dem er ein 88 Jahre langes Leben widmete: der Architektur. Nach dem Krieg schlug in den Baubehörden und Architekturbüros keineswegs eine reinigende "Stunde Null", wie Werner Durth in seinem Buch Biographische Verflechtungen 1900-1970 nachwies. Aber Günter Behnisch, der 1947-51 an der TH Stuttgart Architektur bei Rolf Gutbrod und Günther Wilhelm studiert hatte, leistete Widerstand gegen alles, was nach Nationalsozialismus nur ein bisschen roch oder aussah. Er war kein Theoretiker wie sein vier Jahre jüngerer Kollege Oswald Mathias Ungers, der 2007 starb. Günter Behnisch wollte bauen und in diesem gestaltenden Beruf des Architekten nicht weniger verändern als der grübelnde Oswald Mathias Ungers. Mit Schulen, Bibliotheken, Wohnhäusern für Jung und Alt ist ihm dies glänzend gelungen. Rhetorisch waren beide mit allen Wassern gewaschen, weil sie die Kraft der Sprache verinnerlicht hatten. Es war beinahe so etwas wie Ekel, mit dem Behnisch gegen den Rechten Winkel, Achsen und Symmetrien zu wettern wusste – und sich in der Auseinandersetzung mit James Sterlings Stuttgarter Staatsgalerie in abenteuerliche Opposition verstieg. Ankreiden darf man ihm das nicht, weil er, Behnisch (und seine Partner Bruno Lambert, Fritz Auer, Carlo Weber, Winfried Büxel, Erhard Tränkner, Manfred Sabatke, auch Christian Kandzia und viele ganz junge Mitarbeiter – Flausen im Kopf –) mit den schiefen Winkeln, farbigen Ambienten, offenen Räumen, landschaftsbezogenen Szenarien und delikaten Details wunderbare Gegenwelten erkundeten und erfanden. Die herausragenden Werke sind und bleiben als Ikonen der Nachkriegszeit in Deutschland das Olympiagelände und -stadion in München von 1972 und der Deutsche Bundestag in Bonn, Wettbewerb 1973, Eröffnung 1992. Wer das Bauen in dieser Zeit verfolgte, weiß, welche unglaubliche Kraft diese Projekte allen Beteiligten abverlangten – kaum einer hat die Strapazen je bereut. Eine denkbar knappe politische Entscheidung ließ die Bundesregierung von Bonn nach Berlin umziehen – und es sei mir eine klare Meinung erlaubt: Fosters Reichstagsumbau bezeugt im Vergleich zu Behnischs Bonner Bundestag die Niederlage einer schwierigen, aber lebendigen Demokratie, die in Bonn mit Altlasten und Idealismus aufbrach, in Berlin aber in demokratieuntauglichen Parteistrukturen verkrustet ist. Behnischs Bonner Bundestag zeugte noch von dem Idealismus der jungen Demokratie. Auch die Münchner Sportbauten Behnischs – Stadion und das Olympiagelände – mussten Attacken überstehen. Sie hatten maßgeblich zu den "heiteren Spielen" 1972 beigetragen, die trotz des Terrors in schöner Erinnerung bleiben. Dagagen symbolisiert Herzog und de Meurons Allianz-Arena heute (brillant), wie aus dem Fußball-Spiel ein Fußball-Kampfsport mit milliardenschwerden wirtschaftlichen Interessen geworden ist.
"Delikate Details" – nun ja, Behnischs Büro war ein Kultort in Stuttgart-Sillenbuch. Wer in Stuttgart Architektur studierte und bei Behnisch arbeitete: Der wollte was. An der Stuttgarter Hochschule wurde uns aber ein ganz anderes "Konstruieren" beigebracht als in Darmstadt, wo Behnisch lehrte: Peter von Seidlein und Kurt Ackermann bildeten an der Hochschule Gegenpole zu Hans Kammerer und Peter Schenk. Wenn wir die umsichtigen Theoretiker Jürgen Joedicke und Horst Rittel sowie den universalgelehrten Architekturhistoriker Antonio Hernandez nicht gehabt hätten! Was wäre aus der Stuttgarter Hochschule mit Günter Behnisch geworden? In Stuttgart agierte dann noch extra muros Frei Otto zwischen den Architekten und Bauingenieuren, der mit Behnisch an den Olympia-Bauten laboriert hatte. Behnischs zweite Heimat Stuttgart – geboren war er ja in Dresden – hatte und hat eine fantastische Vielfalt kluger und kompetenter Hochschullehrer, die aber Eines fürchten wie der Teufel das Weihwasser: eine öffentliche, hart geführte Diskussion um gesellschaftsrelevante, politische Werte, die sie um ihre Pfründe bringen könnte. Günter Behnisch scheute die nie. Man laviert gegenwärtig stattdessen mit den lausigen, ökonomisch unterwanderten Begriffen "Hightech" und "Nachhaltigkeit", die sich in korrumpierten und banalisierten Medien verschleißen wie die "Stararchitekten". Gegen Behnisch argumentierte man nach der Wende gern mit dem "Ideologieverdacht". Von wegen Glas und Demokratie und so. Der Verdacht ist genauso blödsinnig wie der Ideologieverdacht von wegen Stein und Diktatur und so. Es ist typisch für die Berliner Republik, dass sie auf dieses Argumentationsniveau sank.
Mit Günter Behnisch starb einer der letzten deutschen Architekten, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Und es starb vielleicht der Einzige, der in der "Demokratie als Bauherr" eine persönliche, lebenslange Herausforderung begriffen hatte. Kompromisslos und fürsorglich. Eigenwillig und offen. Manchmal verletzend – meistens spitzbübisch und verflixt charmant. Hartnäckig und liebenswürdig verspielt. ub |
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